Ein klein wenig Menschlichkeit

In der Weihnachtszeit erreichen mich viele Gedanken rund um das Thema  Menschlichkeit und den Umgang vom Miteinander im Alltag. Warum machen wir es uns eigentlich so schwer? Es könnte doch so einfach sein!

 

An Weihnachten machen uns die Medien darauf aufmerksam, ein bisschen netter zu einander zu sein. An einander denken und Gutes tun, wird an Weihnachten ganz großgeschrieben. Aber wieso verdrängen wir das eigentlich den Rest des Jahres? Lasst uns doch einfach jeder ein bisschen dazu beitragen, miteinander mehr Spaß zu haben und nett zu einander zu sein. Oder ist das zu einfach gedacht?

Die Amerikaner gehen mit gutem Beispiel voran. Man mag über ihre Freundlichkeit - gespielt oder echt - meinen, was man möchte. Aber nach jedem Urlaub ist die amerikanische Freundlichkeit eines der Dinge, die ich in Deutschland am meisten vermisse. Und dies wird mir sofort nach der Rückkehr sofort bewusst. Kaum gelandet hat niemand mehr für dich ein Lächeln oder ein nettes Wort übrig. Dir kommt beim Gepäck niemand zur Hilfe oder fragt dich, ob er dir den Weg zeigen darf. Alle hasten an einander vorbei und kümmern sich um ihre eigene Angelegenheit. 

Beim ersten Einkauf zu Hause schaut die Kassiererin genervt und fragt dich nicht, wie es dir geht - es interessiert schlichtweg niemanden. Hauptsache es geht dir selbst gut!

Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.


Die Amerikaner sind immer nett und hilfsbereit - den Dienstleistungsgedanken haben sie einfach verinnerlicht. Aber auch außerhalb des Hoteltresens sind die Amerikaner Fremden gegenüber einfach positiv aufgeschlossen. Dies wurde mir vor allem vor Augen geführt, als wir in Utah zwei Begegnungen hatten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Freunde in der Fremde

Wir befinden uns 2013 im Canyonlands Nationalpark und stapfen im Dunkeln morgens um 4 Uhr zum Mesa Arch. Dort wollen wir den Sonnenaufgang beobachten und fotografieren. Wir kommen am Mesa Arch an, setzen unsere Rucksäcke ab und freuen uns, wir haben den Arch ganz für uns allein - noch. Denn wenig später hören wir, wie sich im Dunkeln unserem Standort Stimmen nähern. Der Wind pfeift allerdings so entgegen der Personen, dass wir die Sprache nicht eindeutig verstehen können. Ein Lichtkegel streift uns - wir treffen drei Fotografen wieder, die wir bereits in Escalante an der Hole-in-the-Rock-road ein paar Tage vorher schon getroffen haben. Wir wechseln ein paar Worte mit den Männern mexikanischer Herkunft - mehr mit Händen und Füßen, als mit Worten. Die Stimmung ist ausgelassen. Wir freuen uns alle auf den bevorstehenden Sonnenuntergang und bringen gemeinsam unsere Kameras in Position. 

Dann wird es still - wir alle warten auf die Sonne und halten inne. Wir liegen alle auf dem Rücken an der Kante zum Canyon und schauen in den Himmel. Über uns Tausende, vielleicht Millionen an Sternen und Sternschnuppen. Es ist ein einzigartiger Moment.

 

Ich habe das Gefühl, wir alle sind in diesem Moment einfach nur glücklich und die Gesellschaft der fremden Gruppe neben uns ist in keinem Sinne unangenehm - alles passt zusammen.

 

Perfekter Moment am Mesa Arch
Perfekter Moment am Mesa Arch

Befremdlichkeit

Drei Jahre später befinden wir uns wieder in Utah. Wir brechen von unserem AirBnB in Kanab auf und wollen hier noch eine letzte Wanderung wagen. Wir wollen zur Sandy Cave. Am Straßenrand hält ein weiterer Mietwagen. Im Auto sehen wir einen deutschen  Reiseführer liegen Wir sind gespannt, auf wen wir gleich treffen werden und freuen uns, ein paar heimische Worte auszusprechen.

Gemischte Gefühle in der Sandy Cave
Gemischte Gefühle in der Sandy Cave

Während wir uns auf den Weg zur Höhle machen, sehen wir eine einzelne Person oben an der Höhle ankommen.

 

Oben angekommen müssen wir kurz Luft holen, bevor wir uns in die Höhle wagen. In der Höhle befindet sich die andere Person. Gewöhnt an die amerikanische Herzlichkeit lächele ich ihm freundlich entgegen und rufe ihm ein "Hi there" zu. Es kommt ein knappes "Hallo" zurück, kein Lächeln, nur zusammengepresste Lippen. 


Ein Unwohlsein beschleicht mich sofort. Wie kann das nur sein?! Mitten in der Natur treffen Landsleute einer Nation auf einander. Wir teilen anscheinend die selbe Leidenschaft - wandern und fotografieren. Mindestens ein Gesprächsthema wäre also gefunden - aber warum nur, kommt kein Gespräch zustande? Warum sind wir Deutschen einfach so verbissen? 

 

Wir sind erleichtert als er endlich seine Sachen zusammenpackt und geht. Wir waren die ganze Zeit über befangen und ärgern uns sofort über die Ignoranz und Unfreundlichkeit unseres Landsmannes. Sind wir Deutschen alle so?

Deutscher Humor ist ja ein echter Schlankmacher: Man muss meilenweit laufen, bis man ihn trifft.

 

Dieter Hallervorden

 



Der Zeitfaktor

Die Amerikaner haben scheinbar die Ruhe weg. Egal, ob im Straßenverkehr oder im Supermarkt. Wie sieht das hier in Deutschland aus? Haben wir zu wenig Zeit für Freundlichkeit?

 

Nehmen wir doch einmal das Reißverschlußverfahren. Die Regeln sind eigentlich klar - einer nach dem anderen. Und doch haben wir Deutschen damit scheinbar ein Problem. Lässt unser Vordermann zwei statt ein Autos vor, erntet er dafür ein wildes, verärgertes Hupkonzert. Gerade auf der Autobahn oder in der Stadt, gönnt keiner dem anderen, wenn er sich ein paar Meter vor ihm hineindrängen kann.  

 

Kaum stehst du hier im Supermarkt an der Kasse, hast du das Gefühl, es kann alles nicht schnell genug gehen. Warum sind wir hier alle nur so gehetzt? Und warum gönnen wir dem anderen nichts? 

Deutsche Jammern, Amerikaner Lachen

Es gibt Studien darüber, dass die Deutschen doppelt so viel jammern wie die Amerikaner ("Deutsche jammern, Amerikaner lachen."). Während wir Deutschen nach dem Small Talk übers Wetter schnell mit einem "Spaß beiseite" dazu übergehen, Probleme zu wälzen. In Meetings äußern sich Deutsche problemorientiert, sind aber nicht bereit, sich zu verändern, um das Problem zu lösen.Wer schon mal in den USA war, hat garantiert auch etwas von dem spirit mitbekommen. Die Amerikaner lassen sich einfach viel schneller für Etwas begeistern und versuchen ihr Umfeld ebenfalls davon zu überzeugen. Die Amerikaner hingegen sprechen über Lösungen, motivieren sich gegenseitig und sprechen über positive Gefühle. Let´s do this! 

Wir sind alle so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir die Leute um uns herum vergessen. 

Mel von Kind im Gepäck hat vor Kurzem einen tollen Artikel darüber geschrieben, wie ihr Sohn Samu sie daran erinnert, hinter die Fassade und eigene Vorurteile zu schauen. Wenn man mit Kind reist, geht alles ein wenig langsamer. Da hat man eher Zeit, sich die Menschen, die einem begegnen, auch wahrzunehmen.

Die Unbefangenheit und das Urvertrauen der Kinder öffnet so manchem das Herz und ein Lächeln huscht über die Lippen der Erwachsenen.


Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen - und den anderen einfach als das sehen, was er ist - ein Mensch! Und bitte nicht vergessen, einfach zu lächeln - es kostet euch nichts! Und wenn es zu Weihnachten nicht klappt, dann wäre das doch ein toller Vorsatz für das Neue Jahr, oder?

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