Ob Du behindert bist, hab' ich gefragt?!

Endlose Highways, die sich bis zum Horizont ziehen, als seien sie wie Teppichläufer durch die Landschaft verlegt worden. Pulsierende Städte, die in Ausmaß und Angebot unser europäisches Auge schnell an die Überforderung bringen. Und nicht zuletzt die atemberaubende Natur, die für jeden etwas bereithält. Aufzuzählen, was die USA so touristisch für uns zu bieten haben, würde sicherlich Seiten füllen.

USA – „Land of the Free!“


Ein mittelgroßer SUV fährt vor einem Supermarkt in einem beschaulichen Vorort Hamburgs schnurstracks auf einen Parkplatz. Der Fahrer steigt aus. Ein Mann – nicht wirklich alt, nicht wirklich jung, wohl so um Mitte 30 – steigt aus. Alle Köpfe drehen sich um, mustern den Mann. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Anstatt eines freundlichen „Guten Tag“ (oder der mit norddeutscher Kühle vorgebrachten, aber nichts an Liebenswürdigkeit fehlenden Variante, „Moin“, alternativ: „Tach“) fliegen skeptische und abwertende Blicke geradezu wie Pfeile durch die Luft. Sie sind die Vorboten blöder Sprüche, mit deren Vielfalt sich ganze Bücher füllen ließen. Der Parkplatz, in bester Supermarkt-Eingangslage ist ein Behinderten-Parkplatz.


Die USA zwischen den Zeilen

Für uns sind die USA so viel mehr als ein touristisches Highlight. Das Land, das durch seine Menschen und seine Landschaft zu dem wird, was wir schätzen, ist für uns ein Lebensgefühl. „Land of the Free“, das heißt: Freedom – Freiheit, ist für uns mehr als nur die Freiheit der unendlichen Weite. Es ist Freiheit in den Köpfen. Und Freiheit in Bewegung.

Ein ziemlich großer SUV fährt vor dem Supermarkt eines x-beliebigen Ortes in den USA schnurstracks auf einen Behinderten-Parkplatz. Der Fahrer steigt aus. Ein Mann – nicht wirklich alt, nicht wirklich jung, wohl so um Mitte 30 – steigt aus. Nichts passiert, die Welt dreht sich weiter. Nachdem der Mann einkaufen war und mit dem Einkaufswagen in Richtung Auto schiebt, nähert sich eine wildfremde Person. Der Mann erwartet Schlimmes – angespannte Stille bis der Wildfremde diese lächelnd zerbricht: „Do you need some help with that, sir?“.


Ach so, der Fahrer – das bin ich. Und ob Du behindert bist, hab ich gefragt?! Ja, und das nicht zu knapp.

 

Und natürlich will ich hier nicht dafür werben, dass ich mehr Leute um mich herum bräuchte, die mir die Einkäufe zum Auto tragen. Für jemanden, der hier zu Hause wirklich nur an guten Tagen die 300-Meter-Marke zu Fuss knackt, haben die USA „zwischen den Zeilen“ wirklich etwas zu bieten.

Während hierzulande allerorts über Inklusion und Teilhabe geschwafelt, aber Neid und Missgunst gelebt werden, können Imke und ich in den USA ein fast normales Leben führen. Wir können einkaufen, Essen oder sogar auf Konzerte gehen, ohne Probleme reisen, sogar wandern. Das liegt nicht nur an der inneren Haltung der Amerikaner, zugegebenermaßen liegt es auch am Wetter. Aber neben der trockenen Hitze sucht die Barrierefreiheit des öffentlichen Lebens in den USA hier vergeblich seines gleichen – wie auch die Barrierefreiheit in den Köpfen der Amerikaner.

Seit gut 15 Jahren habe ich ankylosierende Spondylitis (Wikipedia oder der Net-Doktor würde sagen: Morbus Bechterew) – das Ganze in einer fast schon unanständig aggressiven Form. Beißen wir* uns hier Tag für Tag durch den Alltag, schweben wir in den USA nur so dahin.

* Ja, ich habe bewusst wir gesagt. Ich habe das große Glück die beste Ehefrau zu haben, die ich mir wünschen kann. Willens mit mir jedes tiefe Tal zu durchschreiten, um oben auf dem Gipfel die Aussicht zu genießen. Außerdem können wir uns mehr als glücklich schätzen, dass auch meine Eltern zu unser eingeschworenen "kleinen Kampfgemeinschaft" gehören...




hikelust

 - das ist für uns die Liebe zur Natur und Schönheit des Südwestens der USA,

aber auch die Liebe zum Wandern - zur Freiheit.

Etwas, wovon wir hier nur träumen können.

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Kommentare: 8
  • #1

    Silke (Dienstag, 27 Dezember 2016 20:36)

    Hey, das ist ein Beitrag, der unter die Haut geht. Da meine Mutti gehbehindert ist, kenne ich diesen Unterschied auch nur allzu gut. Gleiches gilt für die Einstellung gegenüber Senioren. Hierzulande sind sie eine Last und ständig im Weg. Sie können nicht schritthalten mit dem schnellen Alltagsleben. Jeder kennt das: der Opi, der an der Aldi-Kasse sein Portemonnaie auf links dreht und den fälligen Betrag zusammensucht. Stundenlang...und in den USA?

    Wir sollten alle in uns gehen und in solchen Situationen überlegen, wie wir selber behandelt werden möchten, oder nicht?

    LG und Danke für Deine mutigen und sehr offenen Worte!

  • #2

    Imke (Dienstag, 27 Dezember 2016 20:54)

    Danke, Silke!
    Die USA sind DAS Land schlechthin, in dem Behindertenfreundlichkeit und Inklusion einfach gelebt werden. Zu gerne würde ich das einfach mit in unseren Koffer packen und mit nach Deutschland leben.
    Behinderung hat nicht immer etwas mit Mitlid zu tun - aber ganz viel mit Respekt und Rücksichtnahme!

  • #3

    Joost (Sonntag, 26 Februar 2017 17:49)

    WOW! Das ist ein ganz toll geschriebener Beitrag, der macht mich echt nachdenklich! Ich weiß schon warum ich die USA liebe und dein Beitrag trägt sehr positiv auch zum Sachen anders sehen dazu bei! Danke!

  • #4

    Jan (Sonntag, 26 Februar 2017 17:55)

    Hey Joost - von Herzen vielen Dank :)

  • #5

    Roland (Sonntag, 03 Dezember 2017 10:05)

    Hallo Ihr zwei !! ihr habt ja viel schöne Beiträge und ich liebe es sehr sie zu lesen..... dieser hier aber ist sehr speziell und widerspiegelt genau was man hier und drüben erlebt. Die Frau von Onkel Fritz, Barbara ist selber behindert mit ihrer Muskelschwund Krankheit und wenn man unterwegs ist mit ihnen merkt man erst richtig wie weit zb. Kalifornien in sachen Behinderten gerecht fortgeschritten ist.. da müssen wir hier in Europa noch viel viel lernen.. Jan ich kann Dich sehr gut verstehen das Du lieber drüben unterwegs bist als hier

    Euch zwei eine schöne Adventszeit und noch viele viele Urlaube im "gelobten" Land

    Ganz liebe Grüsse Roland

  • #6

    Ines (Dienstag, 16 Januar 2018 20:41)

    Hallo von einer Leidensgenossin.
    Über Roland bin ich auf euren Blog aufmerksam geworden , weil uns die Liebe zur USA verbindet. Und nun stelle ich fest, dass wir noch eine Gemeinsamkeit haben.
    Ich habe auch Morbus Bechterew, wenn auch anscheinend nicht so agressiv wie bei dir.
    Mir geht es aktuell ganz gut. Ich hoffe jeden Tag dass es so bleibt.
    Wir haben die USA bei unseren beiden Reisen als wahnsinnig zuvorkommend und bemüht wahrgenommen.
    Wir freuen uns jetzt schon auf unsere Reise in Mai mit unserer 5jährigen Tochter!!
    Viele Grüße aus Hannover!
    Ines und Sascha mit Mila

  • #7

    Sarah (Sonntag, 11 Februar 2018 13:19)

    Zeit umzudenken in Deutschland. USA ist nicht nur Natur, genau das, was du hier beschreibst, ist das, was ich so liebe an den USA. Es ist nur so verdammt schwer, es hier weiterzuleben, man bekommt das Lebensgefühl hier so schlecht in andere Köpfe. Danke für den Beitrag. Er öffnet Augen.

  • #8

    Janna (Donnerstag, 29 März 2018 22:54)

    Ein toller Beitrag Jan...sowas von Recht hast Du!
    Alles Liebe, Janna