Walking in my shoes

 

Materialismus ist laut Duden eine Lebenseinstellung, die Besitz und Gewinn in den Vordergrund stellt. Wer mich kennt, weiß, dies ist definitiv nicht meine Lebenseinstellung. Viel zu besitzen und dies als Statussymbol zu nutzen, widerstrebt mir.

Aber ich gebe zu, manche Sachgegenstände haben es mir angetan. Und sich von diesen trennen zu müssen, ist ein schmerzhafter Abschied.


Weniger ist mehr

Ein voller Kleiderschrank hat mir zu Teenagerzeiten wohl viel bedeutet. Je mehr Billigshirts in dem Regal lagen, desto besser. Masse statt Klasse! Über die Jahre zum Erwachsenwerden hat sich das gedreht. Ich versuche seit längerer Zeit, meinen Kleiderschrank zu minimieren und dabei mehr auf Qualität zu achten. Weniger ist mehr!

Sich von Kleidungsstücken zu trennen, ist mir nie besonders schwer gefallen. Waren die Klamotten aufgetragen, kaputt oder aus der Mode, wurden sie einfach entsorgt. Anders allerdings ist das mit Schuhen, genauer gesagt meinen Wanderschuhen.

DIE Erinnungen

Meine Wanderschuhe tragen mich durch die glücklichsten Zeiten des Jahres

- den Urlaub.

 

Roter Wüstensand in Sedona, felsiges Gestein in den Alabama Hills oder Matsch in Escalante. Schnee am Grand Canyon, Strand in San Diego, Kieselsteine im Red Rock State Park. Ich stand mit Ihnen im Bryce Canyon vor den Hoodoos, ich kletterte auf die Fire Wave im Valley of Fire und ich krakzelte damit im Zion herum. Im Vermillion Cliffs National Monument stapfte ich damit durch tiefen Sand, in Kanab lief ich damit Eseln hinterher, am Lake Mead fielen Sie während der Bootsfahrt fast aus dem Boot.

 

Diese Schuhe haben schon ziemlich viel gesehen.

Und das über Jahre hinweg.

Wir (und unser Wanderschuhe) machen eine Pause
Wir (und unser Wanderschuhe) machen eine Pause

Das 1. Paar

Zugegeben mein 1. Paar "Wanderschuhe" waren gar keine Wanderschuhe, sondern einfach Sneaker von Adidas. Diese Sneaker haben mich durch meine ersten beiden USA-Urlaube getragen. Und es waren wohl Sneaker, weil ich noch nicht recht wusste, wohin im Leben sie mich tragen.

Im dritten Urlaub hatten die Schuhe weder mehr ein Profil noch irgendeinen Komfort, sie waren schlichtweg abgelaufen. Am Ende des Urlaubes warf ich die Schuhe in San Diego in eine öffentliche Mülltonne - schmerzerfüllt und voller Ungewissheit, ob ich damit nicht auch ein Stück meiner Erinnerungen und meiner Selbst wegwerfen würde.

das 2. Paar

Das zweite Paar war wieder ein Sportschuh, auch wieder der Marke Adidas. Ab dem dritten USA-Urlaub in 2012 fing ich an, in den Urlauben zu wandern. Also durfte es auch ein Schuh mit mehr Komfort sein.

 

Vier Jahre lang hatten sie mich durch glückliche und auch schweißtreibende Zeiten getragen. Ich war vor allem in diesen vier Jahren erwachsen geworden, selbstbestimmt, kritisch und stand mit meinen Beinen fest im Leben.


Im letzten Urlaub im Herbst 2016 habe das 2. Paar entsorgt - dieses Mal noch bewusster und zeremoniell.

Wir sitzen in Carlsbad in Kalifornien am Strand. Es ist unser letzter Abend des Urlaubes. Meine Füße stecken barfuss im Sand. Neben mir steht mein Paar ausgetretene Sportschuhe. Sie sind noch völlig intakt, die Sohle hat noch Profil. Im Inneren sehe ich noch ein wenig roten Wüstensand glitzern. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen.

 

Ich hole den kleinen Notizblock und Kugelschreiber, den ich aus dem Hotel mitgenommen habe, aus dem Rucksack. Ich schaue noch einmal auf den Ozean und fange an zu schreiben.

Als ich fertig bin, tut mir mein Herz ein bisschen weh. Dieser Abschiedsschmerz. Dieses Mal tut es sogar noch ein bisschen mehr weh, weil diese Schuhe mich so lange begleitet haben.

 

Als die Sonne untergegangen ist, gehen wir hoch zum Parkplatz. Neben den Autos stehen zwei Mülltonnen, hier ziehen sich die Surfer nach dem Sport um, ab und zu kommt ein Obdachtloser vorbei - es ist ideal. Ich stelle meine Schuhe vor den Mülltonnen ab und stecke meinen geschriebenen Zettel in einen der Schuhe. Es ist ein Brief an den neuen Besitzer meiner Schuhe.



Neuanfang

Das 3. Paar sind Wanderschuhe - wirkliche Wanderschuhe! Und das ist damit quasi ein Neuanfang. Und ein Zeichen dafür, sich weiterhin bewegen zu wollen, nicht stehen zu bleiben, sich weiter zu entwicklen, an sich zu arbeiten und neugierig zu sein.

Bevor Du urteilen kannst über mich oder mein Leben,

ziehe meine Schuhe an und laufe meinen Weg,

durchlaufe die Straßen, Berge und Täler,

fühle die Trauer, erlebe den Schmerz und die Freude.

 

Durchlaufe die Jahre, die ich ging,

stolpere über jeden Stein, über den ich gestolpert bin,

stehe immer wieder auf

und gehe genau die selbe Strecke weiter,

genau wie ich es tat.

 

Erst dann kannst Du über mich urteilen.



Warum schreibe ich eigentlich über abgelaufene Schuhe?

Warum ist mir das Thema eigentlich so wichtig, magst du dich fragen.

 

Abgelaufene Wanderschuhe sind für mich ein Zeichen von Stärke, Durchhaltekraft und Disziplin. Zum Krankheitsbild von Morbus Bechterew gehört in Jans Fall, dass sich sein Körper in einem Dauerentzündungszustand befindet. Jede Bewegung ist anstrengend und verursacht Schmerz. Je mehr Entzündung, desto mehr Schmerz und desto weniger Bewegung. Gebeutelt durch die Krankheit versuchen wir im Alltag jeden unnötigen Meter zu vermeiden.

 

In der Wärme, im trockenen Klima hingegen schwindet der Entzündungsgrad auf ein Minimum herab. Also bedeutet das im Umkehrschluss: je weniger Entzündung desto weniger Schmerz desto mehr Bewegung. Dass wir beide also gemeinsam durch die Wüsten, Berge und Wälder der USA wandern, ist ein Wunder und die abgelaufenen Schuhe sind unsere Zeugen. Der Beweis dafür, dass Nichts unmöglich ist, dass alles schaffbar ist, wenn man nur jemanden hat, der mit einem läuft.

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Kommentare: 2
  • #1

    nossy (Samstag, 28 Januar 2017 15:57)

    Ein schöner Artikel. Ich hänge irgendwie an meine Wanderschuhe.
    Immer wenn ich diese im Schrank sehe, erinnern sie mich an die Abenteuer die ich mit ihnen an meinen Füßen erleben durfte. Wie mich der Pazifik am Strand mit einer Welle bis zu den Waden erwischte und meine Füße trotzdem trocken blieben, wie ich barfuß durch den Wald wanderte und die Schuhe an meinem Rucksack baumelten. Wie ich mit ihnen kleine Berge und Vulkane bestieg.... ach, da schwelgt man gleich in Erinnerungen.

    Viele Grüße, nossy

  • #2

    Jan (Sonntag, 29 Januar 2017 09:40)

    Ja nossy, Du hast so recht. Es ist einfach erstaunlich, wie sich Erinnerungen und Gedanken an Gegenstände wie Schuhe heften :) Für Musik gilt bei mir übrigens das Gleiche ;)
    viele Grüße
    Jan