Travel-no-go No. 1 | Sitzplatzreservierung

Wir leben und reisen mit Handicap. Wir kennen das - seit Jahren und es ist in Ordnung. Und trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die uns denken lassen: "Echt jetzt?! Ist Deutschland immer noch so behindert?!"

 

Im ersten Teil unserer Beitragsreihe erzählen wir dir von den Hürden, die wir vorm Antritt der Reise bewältigen müssen - die Sitzplatzreservierung. DER Aufreger unserer letzten Woche.


Es ist April und das heißt, in ein paar Wochen startet endlich wieder unser Urlaub in die USA. Wir machen uns langsam, aber sicher an die letzten notwendigen Vorbereitungen. Route planen, nochmal schauen, ob der Mietwagen oder die Hotels günstiger geworden sind und und und. Zu diesen Tätigkeiten gehört für uns auch die Sitzplatzreservierung im Flieger. Bei den meisten Fluggesellschaften musst du mittlerweile dafür zahlen, wenn du dir einen Sitzplatz reservierst. Bei British Airways sind es z.B. ca. 60€ pro (Lang-) Strecke, pro Person. Wenn du aber darauf angewiesen bist, einen bestimmten Sitzplatz in Anspruch zu nehmen, dann musst du nichts zahlen. Dies ist bei uns der Fall.

Der Angang kostet Überwindung

Jan ist schwerbehindert und ist daher darauf angewiesen, so zu sitzen, dass er möglichst ohne Probleme aufstehen kann, die Rückenlehne verstellbar ist, in der Nähe der Toiletten und natürlich neben mir sitzt. Damit dies beim Check-In kein Glücksspiel wird, reservieren wir unsere Plätze vorab. Man könnte meinen, dass es selbstverständlich ist, dass gemeinsam Reisende mit gewissen Einschränkungen auch zusammen einen passenden Platz bekommen - ohne Reservierung. Wir haben aber tatsächlich schon mitbekommen müssen, wie Airlines gelähmte Rollstuhlfahrer in Mittelsitze pressen wollten oder wie Familien getrennt wurden.

 

Diese Reservierung ist immer ein Angang der besonderen Art, weil es grundsätzlich nie ohne Diskussionen abläuft und damit immer wieder etwas mehr als ein fader Nachgeschmack bleibt.

 

Es ist immer das selbe Spiel bei den Telefonaten: Gegenwind - merkwürdige Fragen - patzige Antworten - Unverständnis - kein Einfühlungsvermögen - Diskriminierung. Und in all den Jahren des Reisen wiederholt sich dieses Frage-und-Antwort-Spiel neben dem die Befragung durch die Grenz-Beamten bei der Einreise in die USA wie Kindergarten wirkt. Sich für seine Behinderung rechtfertigen zu müssen, ist einfach kein schönes Gefühl.

Die Hosen runterlassen

Es beginnt in den ersten Minuten zunächst mit einer Schilderung der Situation. Und nach einiger Zeit stockt das Gespräch. Es kommen die ersten unangenehmen Nachfragen, wie und welche Behinderung oder Erkrankung denn vorläge. Rechtlich gesehen, sollte man meinen, dass ein amtliches Dokument (Schwerbebhindertenausweis in einer entsprechenden Höhe) ausreichend ist, um einen "Bedarf" nachzuweisen. Dem ist aber mit Nichten so. Und auf einmal werden am Telefon mit einer Airline ärztliche Befundungen eingehend besprochen. Einblicke, die selbst Menschen, die Jan näher stehen, nicht haben. Hier muss er bildlich gesprochen echt die Hosen runterlassen.

 

Nach Erklärungen und einer vorübergehenden Spannung zwischen den Gesprächspartnern folgt der zweite Akt in diesem Telefonat. Die kostenlose Sitzplatzreservierung kann nur in Anspruch genommen werden, wenn auch der Behindertentransfer des Flughafens in Anspruch genommen wird. Es geht nur ganz oder gar nicht. Was bedeutet das konkret? Du musst so behindert sein, dass du deinen reservierten Sitzplatz nur bekommst, wenn du nicht zum Flieger laufen kannst.


Jan kann gehen - zwar mühevoll und langsam, aber immerhin. Wir nehmen diesen Service also wirklich nur in Anspruch, wenn wir auf Grund des Tagesverfassung oder die Rahmenbedingungen der Reise zu Fuss absehbar scheitern. Aber es wird verlangt, dass er sich im Rolli "chauffieren" lässt, um sein Recht zu bekommen. Für jemanden, der im Alltag wirklich alles versucht, um nicht im Rolli zu landen ist es ätzend dann dennoch in einem wie auf dem "Präsentierteller" durch das Terminal geschoben zu werden, gelöchert von einer Mischung aus mitleidigen und neidischen Blicken. Vor allem mit erst Mitte 30.

 

Am Abflugtag hält sich also das rote Kreuz bereit, um Jan im Rolli in den Flieger zu fahren. Je nach Flughafen und Service kostet das die Airline ca. 600 € pro Flug. Ist das nicht ein Irrsinn?! 

Der Neid-Faktor

Das Traurige daran ist, dass wir Deutschen ganz aufgebracht werden, wenn jemand etwas bekommt, was ihm scheinbar nicht zusteht. Sei es mit einem Platz in der ersten Reihe oder die Fastlane beim Transfer innerhalb des Flughafens. Wir gönnen dem anderen Nichts, das ist so beim Reißverschlussverfahren oder im Supermarkt, wenn eine neue Kasse aufmacht. Hauptsache die anderen kommen nicht schneller als ich  voran! 

Wenn da also ein junges Pärchen in einem Golfkart durch London Heathrow gefahren wird, schauen viele neidisch. Man haben die das gut, sie müssen nicht laufen oder lange anstehen. Viele denken, die haben sich das erschlichen. Sie denken, die haben es doch eigentlich gar nicht nötig. So krank sehen die nun wirklich nicht aus!

Disclaimer

Wir möchten dir das Bild vermitteln, was dir hoffentlich verborgen bleibt - weil du hoffentlich kerngesund bist und bleibst. Wir beneiden jeden, der lange in der Schlange stehen kann, sich im Terminal die Füsse wund läuft und sich vor Langeweile den Hintern auf dem harten Boden der Wartehalle platt sitzt. 

 

Wir möchten mit diesem Beitrag weder der Fluggesellschaft noch den Sachbearbeitern persönlich zu nahe treten oder uns darüber beschweren, dass sie handeln wie sie handeln. Dafür, dass wir auch weiterhin diesen Service nutzen können, ist es sicherlich notwendig, die wirklich berechtigten von den "Fakern" zu trennen. Ob dies allerdings der richtige Weg ist, ziehen wir in Zweifel. Wir möchten auch niemanden anschwärzen. Der Grund für die Tortur liegt in dem Verhalten der anderen Passagiere - der schwarzen Schafe

 

Wir wünschen uns, solche Verhaltensweisen wären nicht notwendig. Vermutlich gibt es doch mehr von denen, die sich diese Art von "Bonusbehandlung" erschleichen wollen. Da wird vielleicht etwas von einer imaginären Verletzung oder OP erzählt und zack sitzt man in dem lustigen Gefährt und wird von einem Terminal zum anderen gefahren. 


In unserer Beitragsreihe Travel-no-go´s möchten wir dich daran teilhaben lassen, wie es ist, mit Handicap zu reisen. Vielleicht geht´s dir genauso wie uns und du erkennst die ein oder andere Situation wieder. Vielleicht hast du über diese Themen bisher auch noch gar keine Gedanken gemacht. Wirf mit uns einen Blick über den Tellerrand.

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Kommentare: 8
  • #1

    Silke (Sonntag, 23 April 2017 18:54)

    Nach unserem Treffen neulich habe ich mich mit meiner Mutti über das Thema unterhalten. Sie muss inzwischen bei einigen Airlines für die Reservierung trotz Schwerbehinderung zahlen. Und sie wird auch jedes Mal ausgefragt.
    Unterwegs mit ihr haben wir uns auch häufiger beim Umsteigen blöde Kommentare anhören müssen, wenn wir beim Sicherheitscheck oder der Einreise an den Schlangen vorbei geschoben wurden. Wir suchen allerdings noch die Leute, die ihre Gesundheit eintauschen möchten...

  • #2

    nossy (Sonntag, 23 April 2017 21:37)

    Schwieriges Thema. Die Menschen und Sachbearbeiter die die Fragen stellen müssen, handeln in der Regel nur nach ihren Arbeitsanweisungen. Eine Ursache könnte fehlendes Verständnis sein, von denjenige, die die Regeln und Arbeitsanweisungen aufstellen.
    Die neidischen Blicke der anderen Reisenden werden sich wohl nie abstellen lassen. Hierzu bedarf es eine ganz andere Lebenseinstellung. Auf die habt ihr allerdings keinen Einfluß. Ihr könnt nur schauen, wie ihr selbst für euch mit diesem Thema immer und immer wieder umgehen wollt. Viel Kraft wünsch ich euch!

    nossy

  • #3

    Jan (Montag, 24 April 2017 07:01)

    Hi Silke,
    Das kann ich mir gut vorstellen! Die Gespräche verlaufen wirklich immer so an der Grenze zum Eskalieren, dass ich danach erstmal eine frische Luft schnappen muss. Und es klappt am Ende nur, weil ich wirklich auf eine Lösung bestehe. Ich glaube, das Kalkül ist genau das, die emotionale Anstrengung dafür so hoch zu treiben, bis viele sagen, das ist es mir nicht wert (oder es einfach nicht mehr können). Ein Energiefresser....

  • #4

    Jan (Montag, 24 April 2017 07:07)

    Hi Nossy,
    ja, Du hast recht - ein ganz schwieriges Thema. Ich gehe am Ende immer im Guten mit den Bearbeitern auseinander, weil ich genau das weiss, was Du schreibst. Sie können im Zweifelsfall nicht anders, als es so zu machen. Dass es auch anders geht, habe ich z.B. bei Condor erlebt. Die hatten wirklich sehr, sehr diskriminierende Regeln. Der Sachbearbeiter hat (aus eigener Betroffenheit) gesagt, dass er die nicht umsetzen kann und will. Diese "gute Tat" habe ich später beim Geschäftsführer gelobt und der Mitarbeiter hat eine Anerkennung erhalten. Angeblich war Condor die Auswirkung der Regeln gar nicht bewusst.

    Denn am Ende glaube ich ist es doch gar nicht so schwer. Wir alle haben eine Wahl - unser Handeln ist eigentlich nie "alternativlos". Und Kleines kann unter Umständen Großes bewirken :)

    vg Jan

  • #5

    nossy (Montag, 24 April 2017 20:24)

    Hallo Jan,

    das ist doch eine sehr positive Erfahrung die du bei Condor erleben durftest. Ich finde es richtig klasse, dass du später auch der Führung ein gutes Feedback gegeben hast, da wird sich der Mitarbeiter bestimmt sehr gefreut haben. :)

    Viele Grüße, nossy

  • #6

    THphotography (Montag, 24 April 2017 20:50)

    Ich finde die Idee der Beitragsserie sehr gut um auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen. Ein wirklich schwieriges Thema.
    Man kann nur hoffen, dass für die Betroffenen stets immer alles nötige getan wird. Bei "überflüssigen" Kommentaren außenstehender Leute, die es leider immer wieder mal gibt, kann ich nur noch den Kopf schütteln....
    Ich wünsche euch erstmal einen ganz tollen Urlaub in den USA, der steht ja bald an :-)!
    VG,Torsten

  • #7

    TravelLens.at (Dienstag, 25 April 2017 08:54)

    Tolle Beitragsserie und ich freue mich schon auf die nächsten Folgen.

    Danke für diesen Einblick in eine Welt, die ich (zum Glück) so persönlich nicht kenne. Das hört sich sehr hart an und, dass obwohl man es eh schon schwer genug hat und so ein Flug mit einer Behinderung sicher um einiges schwerer ist. Ich verstehe jedoch auch die Airlines, denn wenn ihr schon die Neider bemerkt dann bin ich mir sicher, dass es extrem viele gibt die auch kostenlos einen solchen Platz wollen (obwohl sie ihn nicht "verdient" haben).
    Und ja das ist typisch deutsch/österreichisch. Wie ihr so schön schreibt - Hauptsache keiner hat mehr als ich.

    Man kann nur hoffen, dass unter den vielen Dingen die aus den USA zu uns schwappen auch der Umgang mit Personen denen es nicht so gut geht zählt. Es wäre euch und vielen anderen zu wünschen!

    VG Gerald

  • #8

    Bernd (Montag, 10 Juli 2017 11:31)

    Ich kann auch gehen und habe aber auch einen Rolli, Ich habe immer Plätze reserviert für mich und meine 2 Mädels. Bis jetzt hat es immer ausgereicht, das ich gesagt habe das ich Schwerbehindert bin. Mußte auch nicht dafür etwas zahlen. Am Flughafen wurde ich immer gefragt ob ich Hilfe brauche. Da ich das wirklich nicht brauche habe ich das auch immer verneint und es gab keine Probleme. Bin immer mit meinen Mädels als erste in den Flieger. Den Rolli beim Flugzeug stehen lassen und der wurde dann verstaut. War auch immer sehr schnell nach der Landung wieder am Flugzeug. Das einzige was wir hin und wieder nutzen, ist Hilfe beim umsteigen. Vor allem wenn wir den Flughafen noch nicht kennen. Aber eigentlich nur um leichter und schneller vor A nach B zu kommen. Bei der Imigration hatte ich noch nie irgendwelche Fragen wegen meiner Behinderung oder was ich für eine habe.
    Gruß Bernd