Do what you can´t | Über Motivation, Schnecken und Barrierefreiheit

Spätestens wenn wir im nächsten Jahr in Arizona erneut den Cathedral Rock in Sedona erklimmen, werde ich wieder fluchen. Warum mache ich das eigentlich alles.

Und ich werde zweifeln. Ich kann das nicht. Zu steil, zu anstrengend, keine Kondition, zu heiß und und und.

 

Und weißt du, an wen ich dann noch denken muss? An eine Schnecke! Wieso? Lies weiter.


Müde stehe ich Freitag morgen in unserer Küche. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, sie wird vermutlich heute auch kaum zu sehen sein. Seit Tagen ist es grau in Hamburg. So mausgrau, dass ich das Gefühl habe, ich sehe nur noch Mäuserudel am Himmel. Wie der blaue Himmel aussieht, weiß ich nur noch dank unserer hikelust-Fotos. Ich stehe also morgens in unserer Küche und trinke ein Glas Wasser. Um in den Tag zu starten, brauche ich Wasser. Erst dann können mein Körper und mein Kopf langsam in Gang kommen. Ich blicke gedankenverloren und hundemüde auf unsere Dachterrasse. Die Blätter vom frisch umgetopften Bambus winden sich im Wind, genau wie mein Schweinehund. Ich will da nicht raus, es ist kalt und nass. Ich will wieder ins Bett.

 

Ich erstarre. Da klebt etwas an unserer Terrassentür. Was ist das? Angeekelt und etwas ängstlich, aber nicht ohne eine gewisse Neugier, nähere ich mich der Scheibe. What the ... es ist eine Nacktschnecke.

 

Wie ich eben schon sagte, DACHterrasse. Das bedeutet konkret in unserem Fall unsere Wohnung befindet sich im 4. Stock. Wenn mich jemand fragen würde, glaubst du, eine Schnecke könnte in den 4. Stock kriechen, hätte ich nicht nur wegen der Frage einen Lachkrampf bekommen.

 

Auf den Schrecken erst einmal einen großen Schluck Wasser. Ich lehnte mich an unsere Küchenzeile ohne die Schnecke aus den Augen zu lassen. Mal überlegen. Die Schnecke ist etwa 10 cm lang und wiegt vielleicht 30 Gramm. Unser Wohnhaus ist um ein Vielfaches höher (hätte ich in Mathe gut aufgepasst, könnte ich das vielleicht ausrechnen). Das bedeutet, dass dieses kleine Wunderwesen einfach mal das X-fache seiner Körpergröße überwunden hat, um hier oben anzukommen. In meiner Fantasie stand die Schnecke bestimmt mal ganz unten und hat ehrfürchtig hochgeblickt, konnte nicht mit den Schultern zucken (weil nicht vorhanden) und ist einfach weitergekrochen. Langsam, aber stetig. Statt weiterhin mit Ekel auf die Schnecke zu starren, fing ich an, so etwas wie Respekt für sie zu entwickeln.

Casey Neistat, einer der bekanntesten You Tuber, sagt uns in einem seiner besten Videos do what you can´t. Und er hat Recht.

 

Wenn ich heute morgen einen Blick auf Jan werfe, kann ich kaum glauben, dass wir beide noch vor ein paar Wochen mit unseren prall gepackten Wanderrucksäcken viele Kilometer durch die Wüste Amerikas gehikt sind. Ich kann es einfach kaum glauben. Und vielleicht glaubt er es manchmal auch nicht. Aber wir tun es. Wir tun das, was wir hier nicht können, drüben. Und wir tun das, auch wenn viele andere glauben, wir können es nicht.


„Boah, wie schafft ihr das nur. Und das mit der Behinderung.“ Mitleid, Bewunderung, Unverständnis. Ich will raus aus den festgefahrenen Bahnen und Schubladen. Wir sind weder Opfer noch Superhelden. No limits. Ach Stopp - halt, doch die limits gibt´s. Aber nicht in meinem Kopf, sondern die Limits zeigen sich in der Umwelt. „Nicht mein Rollstuhl behindert mich, sondern die vielen Stufen“. Und da stimmen wir der Bloggerin Laura Gehlhaar nur zu. Egal, welches Limit wir uns setzen. Wir wissen gar nicht, ob wir es überhaupt erreichen können. Nicht wegen uns, sondern wegen der Stufen.

 

Es geht nicht darum, andern zu beweisen, wie toll wir das machen, weil Jan eine Behinderung hat. Es geht darum, es selbst zu schaffen. Für ihn. Für mich. Für uns. Do what you can´t.

 

Ich packe meinen Schweinehund und ertränke ihn mit dem letzten Schluck Wasser. Ein letzter Blick in den mausgrauen Himmel. Ich fahr zur Arbeit, auch wenn ich vor 30 Minuten noch gedacht hab, heut geht gar nichts. Und in meinem Kopf plane ich unseren nächsten Hike. Jeder Urlaub braucht eine Challenge.

Do what you can´t



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