Don´t die out there - eine Warnung

Immer wieder lesen wir diese Warnung auf Hikes und in Reiseführern. Die ersten Jahre haben wir wie viele vermutlich gedacht, es handele sich hierbei lediglich um Panikmache. „Mir passiert sowieso nie was!“

… bis es dann soweit ist und du dir denkst. Mist, warum bin ich nicht umgedreht? Warum war ich nicht einfach ein wenig vorsichtiger?

 

Ich habe diese Erfahrung 2015 machen müssen. Wir waren auf der Cottonwood Canyon Road unterwegs und hatten uns für diesen Tag den Yellow Rock vorgenommen. Mit GPS, vollem Camelback und Sonnenhut fühlten wir uns gut gerüstet für die Wanderung und starteten motiviert. 30 Grad so die vorausgesagten Temperaturen für diesen Maitag. Das erste Viertel der Strecke führt durch Gestrüpp, ist aber ebenerdig. Kurz bevor man den betreffenden Berg erreicht, muss man noch einen kleinen Fluss überqueren. Das Wasser war aber zu dem Zeitpunkt lediglich knöcheltief - kein Problem.

Den Berg muss man etwa ein Drittel am Fuße umrunden, bis man zum Aufstiegspunkt gelangt. Wir hatten zunächst gar nicht erkannt, wie genau der Weg bergauf überhaupt verläuft. Bis wir auf dem Berg gerade ein Pärchen sahen, was den Weg bergab suchte. „Ok… da müssen wir wohl rauf…“, sagte ich etwas angespannt. „Sieht so aus“, antwortete Jan nur knapp, während er seine Wanderstiefel nochmal festzurrte. Langsam gingen wir los. Die Steigung war wirklich ganz beachtlich und brachte uns kräftig zum Schnaufen. Zwischendurch mussten wir immer wieder anhalten, um Luft zu holen und mal kurz die Waden zu entspannen. Irgendwann auf der Mitte trafen wir das andere Pärchen. Wir schielten neidisch auf deren Wanderstöcker, die wir gut hätten gebrauchen können. Wir wechselten ein paar Worte und setzten dann den Aufstieg fort. Alleine hierfür haben wir bestimmt 45 Minuten gebraucht, vor allem weil das letzte Stück eigentlich nur auf allen Vieren möglich war. 

 

 

In der Mitte des Bildes sieht man Jan, er ist mir schon ein Stück voraus beim Aufstieg. Ein Weg ist nicht zu erkennen.

Erst blauer Himmel, dann Horizont – unser Blick weitete sich langsam, als wir endlich oben ankamen. Eine Pause, ein paar Crackern zur Stärkung und Sitzen, endlich Verschnaufen. Nachdem wir uns kurz ausgeruht und orientiert hatten, setzten wir unseren Weg fort.

Das 3. Viertel der Wanderung bestand nun aus keinem Weg, sondern wir liefen durch Sand und über Sandstein. Nach einer weiteren halben Stunde tauchte er plötzlich vor uns auf. Gelb – und riesig – viel größer als auf den Fotos dargestellt. Wow! Der Yellow Rock ist gigantisch! 

Inzwischen war es Mittag geworden, die Sonne im Zenit brannte erbamungslos auf uns herab. Wir müssen mittlerweile die vorhergesagte Temperatur von fast 30 Grad erreicht haben, dazu wehte ein kräftiger Wind. Ich zog meinen Hut fest auf meinen Kopf damit er nicht davonflog. Fasziniert von den Farben und Formen ließen wir uns von den stetig steigenden Temperaturen aber nicht abhalten, es ging immer voran, dem Berg entgegen. Nur unterbrochen von kurzen Stopps zum fleißigen Fotografieren. 

Der Yellow Rock ragt in den Himmel
Der Yellow Rock ragt in den Himmel

 

Das letzte Viertel verbrachten wir beide auf dem Berg und entdeckten die unterschiedlichsten Formen und Verfärbungen. Nach etwa 2 Stunden merkte ich, dass mir etwas schwindelig wurde. Ich war aber so fasziniert von der Natur, dass ich es einfach ignorierte. Ich richtete mich gerade auf, als ich ein Foto geknipst hatte und mir wurde schwarz vor Augen. Mein Kopf wummerte, ich sah Sternchen. Da war sie auf einmal, die Hitze, erbarmungsloser als je zu vor, und sie wollte mir zeigen, wer am längeren Hebel sitzt.

 

Der Abstieg war noch weitaus schwieriger als der Aufstieg. Der geröllartige Untergrund machte es bei dem Gefälle umso schwieriger Halt zu finden. Wir rutschten beide immer wieder aus. Hinzu kam, dass man jetzt genau sah, wie hoch wir uns eigentlich befanden. Ach ja, eigentlich hab ich auch noch ein bisschen Höhenangst.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir endlich unten an. Jans Knöchel war geschwollen und ich am Ende meiner Kräfte. Endspurt: jetzt wieder durch den Fluß, dann durch das Gestrüpp. Wir schoben die letzten Äste der dichten Buschreihe zur Seite – da war es, das silberne Blitzen, das wir beide uns so sehr herbei gesehnt hatten. Unser Auto hieß uns in der Sonne funkelnd willkommen. Geschafft! 

Der Rückweg über die Cottonwood Canyon Road - Auto an, CCR Road bis zur Interstate und dann nochmal bis nach Kanab ins Hotel. Während der Fahrt sprachen wir kaum miteinander. Beide konzentriert und völlig ausgelaugt.

Die Cottonwood Canyon Road ist nur im trockenen Zustand befahrbar
Die Cottonwood Canyon Road ist nur im trockenen Zustand befahrbar

Kaum hatte ich auf dem Hotelparkplatz den Schlüssel ausgemacht und der Motor ging aus, wich auch bei mir sämtlich Energie aus dem Körper. Ich ging aufs Zimmer und Jan fuhr das kurze Stück in den Supermarkt, um uns etwas zu essen zu holen. Im Zimmer angekommen, zog es mir den Boden unter den Füßen weg, „Schnell, wo ist das Bad, die Schüssel“, ich rannte so gut es geht in Richtung Toilette und übergab mich mehrmals. So hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich lag auf dem Badezimmerboden und hoffte, es würde alles irgendwann vorüber gehen. Aber gefühlte Ewigkeiten später lag ich immer noch so da und es war nicht vorüber. Ich merkte, ich konnte mich auf diesem Zustand nicht selbst „befreien“. Irgendwann stand Jan in der Tür. Er zog mich hoch und sagte „Ich habe genug gesehen, wir fahren jetzt ins Krankenhaus.“ Alle Gegenwehr meinerseits war nutzlos, dann ließ ich ihn machen.

 

Keine 30 Minuten später lag ich im Kane County Hospital im Emergeny Room. Eine Infusion trotzte eher schnell als langsam in meine Vene. Doch da war es wieder - ich musste mich wieder übergeben, und wieder und wieder. Ich war völlig weggetreten. Ich konnte weder in englisch noch in deutsch die Fragen der Schwester beantworten. Nicht, dass ich kein Englisch konnte, aber schon ein „piep“ hätte meine Energiereserven maßlos überstiegen. So nickte ich so fleißig es ging zu den Erklärungen, die Jan dem Personal machte. Schließlich, die Diagnose vom netten Doc Bowman: Dehydrierung und Sonnenstich. Da ich nach der Wanderung zu viel und zu schnell getrunken hatte, konnten meinen Zellen das viele Wasser gar nicht aufnehmen und meinen Körper damit versorgen.

 

Nach etwa einer Stunde kam ich wieder etwas zu Sinnen. Ich merkte, wie ich endlich halbwegs klar denken konnte. Was war nur passiert? Der anstrengende Aufstieg, die sengende Sonne, der Hut zu fest auf dem Kopf festgezogen, zu wenig Wasser, der fürchterliche Abstieg, zu viel Wasser, die Rückfahrt in Trance, der kalte Boden vom Hotelbadezimmer und jetzt das Krankenhaus.

Zwei Stunden später verließen wir das Krankenhaus wieder. Etwas zittrig auf den Beinen, aber erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert war.   Das war definitiv eine Lektion, die wir gelernt haben.


Regeln: don´t die out there

  • Informiere dich vor dem Hike über Länge & Anforderungen.
  • Nimm ausreichend Wasser & Snacks mit.
  • Sag jemandem, wohin du gehst & wann du wieder zurück bist.

  • Hab die richtige Ausrüstung dabei (Hut, Wanderschuhe, Wanderstöcke, etc.)
  • Bleib innerhalb deiner Leistungsgrenzen.
  • Hör auf dein Bauchgefühl.

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Kommentare: 5
  • #1

    Roland (Montag, 12 Dezember 2016 11:44)

    Oh das tönt nicht gut was du da schreibst. So etwas bracht man eigentlich nicht in so einem Urlaub, wir sind 2015 auch auf dem Yellow Rock gewesen. Einfach ein Traum... hier unsere Wanderung zum nach lesen Gruss Roland

    http://www.amerika-forum.de/threads/1183301-2-schweizer-36-tage-3184-meilen-unterwegs-im-suedwesten?p=2492628&viewfull=1#post2492628

  • #2

    Andreas (Montag, 12 Dezember 2016 12:18)

    Egal WIE schön eine Wanderung auch ist, keine einzige auf dieser Welt ist es wert dabei zu Grunde zu gehen oder seine Gesundheit auf's Spiel zu setzen ;-) Ich war 2009 auch oben, das war im September und es waren zum Glück angenehme Temperaturen. Anstrengend fand ich es eigtl.nicht, der Hügel ist halt mitunter arg rutschig durch das Geröll, aber wenn man langsam macht geht es. Auf jeden Fall einer der schönere Hikes in der Ecke ...

  • #3

    Imke (Montag, 12 Dezember 2016 13:31)

    @Roland, deine Bilder haben mir die Wanderung und vor allem den steilen Aufstieg nochmal wieder vors geistige Auge gerufen. Sollten wir noch einmal den Yellow Rock erklimmen, dann nie wieder ohne Wanderstöcker!
    Deine Fotos sind ein Traum - ich könnte sofort wieder die Cottonwood fahren! :)

  • #4

    Jan (Montag, 12 Dezember 2016 15:09)

    @Andreas, Du hast natürlich recht. Kein Frage...Der Aufstieg auf den Berg war auch gar nicht so arg, der Abstieg war dehydriert tatsächlich schwieriger - Rutschen wäre so manches mal einfacher gewesen ;) Aber es ist wirklich eine der schönsten Wanderungen in der Ecke.

  • #5

    Timo (Sonntag, 19 Februar 2017 22:34)

    Hallo ihr beiden,

    vielen Dank das ihr so offen eure Erfahrungen teilt.
    Auch wir (bzw. ich) bin schon recht nah an diese Grenze gekommen, hab sie aber wohl nie überschritten.
    Auch wenn es etwas persönlich ist, habe ich eine Frage.
    Wie fit seid ihr bzw. wie viel Sport treibt ihr außerhalb euren Abenteuern?

    VG
    Timo