Karma will get you | Der Aufreger der Woche

So manches Mal habe ich mich schon gefragt, in was für einer Welt wir eigentlich leben. In einem Zeitalter, in dem du dich für einen potentiellen Partner entscheidest, wenn du nach links oder nach rechts swipst. In einer Zeit, in der ein Kopfnicken schon fast als freundliche Unterhaltung durchgeht. In einer Zeit, in der Eltern sich das Recht herausnehmen, auf einem Behindertenparkplatz zu parken.

 

Wie soll das nur weitergehen? Ist das wirklich der präsentable Querschnitt unserer Gesellschaft?


Von 0 auf 100

Ganz ehrlich? Ich bin in Rage. Aber sowas von! Innerhalb der letzten Stunde ist mein Adrenalin von 0 auf 100 gegangen. Und daran ist ein ganz bestimmter Mensch schuld. Ein Mensch, der scheinbar keine Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt. Ein Mensch, der uns bestimmt allen schon einmal begegnet ist, Und vielleicht auch ein Mensch, der wir selbst alle schon mal waren (wenn das irgendwie Sinn ergibt).

 

Ich wollte heute nach der Arbeit noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen und mit bei dem nächsten Edeka auf den Parkplatz gefahren. So war zumindest der Plan. Der erste Parkplatz, direkt neben der Einfahrt und somit direkt in Eingangsnähe ist der Behindertenparkplatz. Gut gekennzeichnet und nicht zu verwechseln.

 

Ich sehe, ein Auto hält auf diesem Parkplatz. Ein Mann, vielleicht Mitte 30 steigt schwungvoll aus dem Wagen und öffnet die Beifahrertür. Als er direkt vor der Tür steht und ich auf seine Höhe gefahren bin, halte ich kurz und kurbel mein Fenster herunter. Ich mache ihn in einem freundlichen und sachlichen Ton darauf aufmerksam, dass er auf einem Behindertenparkplatz steht. Bevor ich noch etwas sagen kann,  dreht sich der Mann um und dabei gibt er den Blick auf den Beifahrersitz frei. Dort sitzt ein kleiner Junge, sein Sohn, vielleicht 5 Jahre alt und grinst mich an. "Sind Sie etwa die Chefin von dem Scheiß-Laden hier?", brüllt mich der Mann an. Ich schaue ihn verblüfft an und mir wird sofort klar, der fühlt sich sowas von ertappt. Bevor ich antworten kann, brüllt er weiter. Ich solle mich um meinen eigenen Dreck kümmern, einfach weiterfahren und nicht die Einfahrt blockieren.

 

Mein Puls und Adrenalin steigen - sofort. Da hat er genau die Richtige erwischt. Ich bleibe weiter ruhig und sage ihm, dass behinderte Menschen wie mein Mann auf diese Parkplätze angewiesen sind. Und das diese Parkplätze für Menschen mit Behinderungen sind und keine Eltern-Kind-Parkplätze. Er schimpft weiter, unter die Gürtellienie, laut und unmissverständlich.

 

Für mich ist an dieser Stelle Schluß. Ich kurble mein Fenster hoch, fahre bis zum nächsten freien Parkplatz und stelle mit zitternen Händen mein Auto aus. Ich krame meine Sachen zusammen und gehe Richtung Eingang. Erneut komme ich an dem Mann vorbei. Er funkelt mich bitterböse an. Ich sage "Sie tun mir leid, das ist sehr traurig." und gehe weiter.


Was das mit mir macht

Ich stehe im Edeka vor einem Regal. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich kaufen wollte. Ich bin total aus dem Konzept. Immer wieder schwirren mir die Beschimpfungen des Mannes durch den Kopf. Ich suche ein paar Sachen zusammen, bezahle und steige wieder in mein Auto.

Und  plötzlich merke ich etwas Feuchtes auf meiner Wange. Ich muss tatsächlich weinen. Weil ich es ungeheuerlich finde, mit welcher Selbstverständlichkeit, sich dieser Plätze beraubt wird. Mit welcher Selbstverständlichkeit, "einfach mal kurz" darauf geparkt wird. Und mit welcher Selbstverständlichkeit diese Selbstverständlichkeit der Missachtung von Inklusion an die jüngere Generation durch eine solche Situationen weitergegeben wird.


Was macht das mit euch?

Vielleicht fragst du dich, warum ich solche Menschen überhaupt anspreche? Ob ich mich dazu berufen fühle, Parkplatzchefin zu spielen? Ganz und gar nicht. Ich wünsche, ich hätte eine größere Plattform, um einen Impuls dafür zu senden, dass es nicht egal ist, wo du stehst, was du sagst und wo du parkst. Es setzt ein Zeichen. Wenn du dich auf einen Behindertenparkplatz stellst - egal, ob 5 oder 50 Minuten, dann setzt du ein Zeichen. Du machst dir keine Gedanken über deine Mitmenschen. Du gibst Menschen, die auf den Parkplatz angewiesen sind, keine Chance.


Du grenzt sie aus. Und das fängt genau mit solchen Kleinigkeiten an.

Ob sich der Mann heute abend darüber mit seiner Frau unterhält? Was für eine blöde Kuh ihn auf dem Parkplatz angesprochen hat? Bestimmt. Ich würde mir wünschen, wenn dieses Erlebnis in seinem Gedächtnis bleibt und etwas bewegt. Ihn daran erinnert, dass es nicht unbemerkt bleibt, auf diesen Parkplätzen zu halten. Und wenn es so etwas wie Karma gibt, dann schlägt es hoffentlich zurück.

 

Erst wenn du meine Behinderung hast, dann darfst du auch meinen Parkplatz haben.


Sad fact

Oft gibt es in Beiträgen von uns fun facts. Nicht heute. Heute gibt es einen "sad fact".

 

In den USA zahlt man übrigens 250 bis 1.000 Dollar Strafe, wenn man auf einem Behindertenparkplatz unberechtigterweise parkt. In Deutschland beträgt die Strafe nur 35 Euro. Überlegt mal, warum die USA auch eines unserer Lieblingsländer ist.

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Kommentare: 3
  • #1

    Joost (Donnerstag, 21 September 2017 20:06)

    Ich kann dich/euch sehr gut verstehen! Aber leider ist die Gesellschaft heutzutage in solchen Sachen auf einem Abwärtstrend! Traurig, aber Realität. Selbst das Moin oder einfach ein Hallo sind meist zuviel! Einfach traurig und dann noch die die andere so beschimpfen, die sind verauchtungswürdig! Deshalb I love USA!

  • #2

    Mel von Kind im Gepäck (Freitag, 22 September 2017 22:37)

    Hey, ich kann dich super verstehen! Sowas nervt mich auch total. Bei Eltern-Kind-Parkplätzen ist das nicht anders. Ich hab auch schon oft was gesagt wie "oh, sie haben wohl ihr Kind im Supermarkt vergessen" Entweder reagieren Leute gar nicht oder flippen total aus. Keine Ahnung ob es nachhaltig überhaupt etwas bringt den Mund aufzumachen - egal bei was. Oft habe ich das Gefühl, dass nur wir selbst darunter leiden....

  • #3

    Jan (Samstag, 23 September 2017 08:31)

    Liebe Mel, Lieber Joost,

    Danke für eure Kommentare. Es klingt ja immer etwas abgedroschen, zu sagen, hier in D sei man so unfreundlich. Aber am Ende läuft es für mich darauf hinaus. Und ich glaube, ich würde mich "unwohler" fühlen das einfach zu ertragen. Wenn ich will, dass es anders ist, muss ich es vormachen und vorleben. Und ggf. auch einfach mal den Mund aufmachen :) Ob sich das wirklich auszahlt?! Keinen Plan... :)

    LG Jan