Panik beim Hiken

Angst. Schweiß. Mein Herz schlägt schneller. Mein Atem stockt und geht dann wieder unkontrolliert schnell. Bum. Bum. Bum. Mein Herz wird immer schneller. Ich schaffe das alles nicht. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich bin am Ende.

 

Dies ist ein Auszug. Ein Auszug aus der Panikattacke, die ich während eines Hikes in Utah erlebt habe.

Auch bei hikelust läuft nicht immer alles nach Plan. Was passiert ist, liest du hier.


Was bisher geschah

Es ist Juni 2017 und wir befinden uns im wunderschönen Moab. Wir haben uns für den heutigen Tag einiges vorgenommen. Wir wollen zum Delta Pool. Ein absoluter Geheimtipp. Eine Gesteinsformation auf einem Berg, absolut sehenswert. Genaue Wegbeschreibungen gibt es kaum welche, wir haben nur mit Mühe und Not zwei gefunden, die wir quasi übereinander legen. Wir merken im Laufe des Tages, dass uns das fast zum Verhängnis wird.

Wir sind kurz nach Sonnenaufgang am Trailhead und starten unsere Wanderung. Wir sind zuerst hochmotiviert und freuen uns auf den Hike. Den ausführlichen Bericht kannst du hier nachlesen.

Nach einer ganzen Weile haben wir den richtigen Aufstieg auf den Berg immer noch nicht gefunden. Es wird immer wärmer und wir befürchten, dass wir durch das umhersuchen kostbare Zeit verlieren. Das Gehen auf dem unwegsamen Gelände ist anstrengend. Es gibt keinen Trail. Alles ist Geröll, Sand oder Kieselsteine, die jederzeit wegbrechen können.

Jan zeigt auf eine kleine Schlucht, die in den Berg hineingeht, ein Stück weiter oben. Wenn wir da langgehen, können wir abgekürzt zur Aufstiegsstelle gelangen. Ok, es sieht von hier unten etwas steiler aus, aber was soll´s, wenn es kürzer ist Jan geht vorneweg und checkt den Weg per GPS. Ich muss kurz inne halten und Luft holen.

Ich drehe mich wieder zu Jan um, der schon um die nächste Felsecke verschwunden ist. Als ich die Felswand erreiche, liegt direkt daneben ein riesiger Felsbrocken, der den Weg direkt an der Kante versperrt. Jans Kopf taucht plötzlich dahinter auf. „Wie bist du denn darüber gekommen?“ frage ich ihn verwundert. „Na, geklettert.“ Es scheint mir unmöglich zu sein.



Das Hindernis

Ich sehe mir die Situation genauer an. Felswand links, Felsbrocken rechts. Der Untergrund ist tiefer Sand, voll mit Laub und Ästen bedeckt. Es ist eine schattige Stelle. In Gedanken spinnt sich schon mein Angstkostüm eine Gruppe aus Schlangen, Taranteln und Skorpionen zusammen, die nur darauf warten, sich in meinen Knöchel zu verbeißen. Um die Stelle zu passieren, muss man irgendwie auf den Felsbrocken kommen. Jan hat sich einfach daran hochgestemmt und ist darüber auf die andere Seite gekommen. Aber mir fehlt es hier schlichtweg an Kraft in den Armen.

 

Ich überlege hin und her, wo ich mich an dem glatten Felsen festhalten kann. Er ist von den Gezeiten rund und glatt geschliffen, es bietet sich kein Halt. Ich sinke mit den Füßen immer tiefer in den losen Sand, der mir schon in die Schuhe rieselt. Jan schaut mich an. Ich versuche mich mehrmals an der niedrigsten Stelle hochzuziehen, aber es klappt einfach nicht. Die Stelle ist so schmal, dass ich hier nur auf einem Bein stehen kann. Ich kann mich einfach nicht hochziehen.

 

Ich bin erschöpft vom Hike, genervt von der Sucherei vor Ort und den scheinbar schlechten GPS-Daten. Und natürlich auch enttäuscht von mir selbst. Wieso schaffe ich das nicht? War die ganze Anstrengung umsonst? Müssen wir jetzt umkehren und doch den längeren Weg nehmen? Das würde uns bestimmt noch mal 45 Minuten kosten. All das kommt zusammen.

 

Panik steigt auf

Angst. Schweiß. Mein Herz schlägt schneller. Mein Atem stockt und geht dann wieder unkontrolliert schnell. Bum. Bum. Bum. Mein Herz wird immer schneller. Ich schaffe das alles nicht. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich bin am Ende. Das ist wohl das, was ich eine kleine Panikattacke nennen würde. Zwischen den Steinen quasi eingekesselt fühle ich mich wie ein kleines Insekt, was sich ein einem Netz aus Angst verfangen hat und nicht mehr herauskommt. Ich kann nichts dagegen tun, das Gedankenkarrusell dreht und dreht und dreht sich.

Wie geht es weiter?

Fünf durchgeknallte Minuten später hat Jan mich beruhigen können. Ich habe ihm meinen Rucksack rübergegeben, damit ich mich besser bewegen kann. Jetzt mal zusammenreißen, Tränen wegwischen und an dich selbst glauben. Tief durchatmen und all deine Kraft in den Körper stecken. Der erste Versuch misslingt, ich rutsche ab und schürfe mir die Knie auf. Der zweite ist schon besser und beim dritten Anlauf klappt es endlich. Ich bin auf dem Felsbrocken und klettere auf der anderen Seite zu Jan runter. Endlich.

Die ganze Aktion hat uns beide Nerven gekostet. Und viel Zeit. Inzwischen ist es später Vormittag und als wir den Schatten verlassen, merken wir, dass die Sonne heftig auf uns niederbrennt.

 

Letztendlich haben wir unser Ziel erreicht. Und wir waren natürlich irgenwie stolz auf uns. Dass wir uns im Canyon nicht gegenseitig zerfleischt haben und dass wir vor dem Delta Pool standen - zusammen, weil wir ein Team sind.



Für viele mag dies lächerlich erscheinen. Wie kann man nur so reagieren? Ängste sind surreal und jeder hat seine eigene Komfortzone. Ich habe meine definitiv in dieser Felsspalte verlassen.

 

Hier hilft nur Ruhe bewahren. Tief durchatmen. Realität wieder einkehren lassen. Lösung suchen. Umsetzen. Und natürlich muss die Hikingbegleitung Ruhe bewahren. Hätte Jan mich unter Druck gesetzt oder ebenfalls an mir gezweifelt, hätte ich mich das total demotiviert und nur noch verrückter gemacht.

 

Und auch hier noch mal der Hinweis, auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Beim hiken oder klettern etwas zu risikieren, ist viel zu gefährlich. Hätte es nach dem dritten Versuch nicht geklappt, wären wir wieder umgekehrt. Der Hike hat uns auch gezeigt, wie wichtig gute GPS-Daten sind, zumindest in so einem wilden Gelände wie dort. Also: stay safe!

Beitrag teilen


Das könnte dich auch interessieren...



Kommentar schreiben

Kommentare: 0