Pit Stop | Eine Reifenpanne kommt selten allein

Seit fast 10 Jahren bereisen wir die USA. Bisher waren wir immer vom Glück gesegnet, dass es weder mit der Mietwagenagentur noch mit dem Wagen selbst größere Probleme gab. Über die Jahre hinweg haben wir aber auch sicherlich ein bisschen an Risikofreude hinzugewonnen und Blut bzw. Sand geleckt. Je mehr tolle Orte wir besucht hatten, desto mehr wollen wir sehen. Manchmal waren wir 5 Stunden one-way im Auto auf einer Schotterpiste unterwegs und mussten dann doch wieder umkehren – ohne das Ziel zu erreichen. Nie ist uns in den ganzen Jahren etwas passiert… doch im letzten Urlaub war alles anders.

 

Im Mai 2016 hatten wie gewohnt die Kategorie „Fullsize SUV“ gebucht und drückten beide die Daumen als wir uns am Schalter „unser“ Auto aussuchten. Welches hat die höchste clearance, welches die am wenigsten heruntergefahrenen Reifen? Die Entscheidung fiel auf einen Nissan Pathfinder. 

Wir verbrachten einen Tag zum „Ankommen“ in Vegas, bevor unsere Reise in Kanab, UT als ersten Wegpunkt begann. Wir wollten zur begehrten Wave-Lotterie und standen pünktlich um 9 Uhr Ortszeit vor dem BLM-Gebäude, Freude und Anspannung in unseren Gesichtern.

Einige Zeit später –nachdem die Lostrommel unsere Nummer leider nicht herausgeworfen hatte, saßen wir im Auto auf dem Weg zur Second Wave, für die es für den heutigen Tag noch Permits gab. Ein wenig unverhofft, aber wir waren vorbereitet: Kühlbox auf dem Rücksitz, ausreichend Wasser und Essen dabei, Wanderschuhe geschnürt, Sonnenspray einsatzbereit und den Wanderrucksack aufschnallbereit.

Bereits der Hinweg forderte uns so einiges ab: nicht nur unsere Kenntnisse beim Kartenlesen waren gefragt, sondern vor allem Jans Fahrkünste durch tiefen Wüstensand. So manche Passage war tatsächlich ziemlich heikel und wir drückten die Daumen, unser Auto möge einfach nur „drüber fliegen“.

Am Zielort schnauften wir kurz durch bevor es an den eigentlichen Hike ging. In der prallen Wüstensonne verbrachten wir den halben Tag. Wir konnten uns an den tollen Farben und Formen kaum satt sehen. Wir schossen sehr viele Fotos und staunten einfach, was die Natur hier so für ein Wunder vollbracht hat.  

Der Rückweg mit verhängnisvollen Folgen

Als wir die Rückfahrt antraten, war es bereits nachmittags. Die ersten zwei Drittel der Strecke waren zwar anstrengend, aber zumindest hatten wir uns die schlimmsten Stellen gemerkt und wussten in etwa, wie man sie durchfahren konnten.

„Hier leuchtet plötzlich die Kontrollleuchte für den Reifendruck“, stieß Jan auf einmal hervor. „Ist das dein Ernst?!“ fragte ich ihn völlig geschockt. Jan muss gemerkt haben, wie entsetzt ich über seine Aussage war und meinte eher beruhigend gemeint, als gesagt: „Ja, aber vielleicht ist ja auch nur die Leuchte kaputt.“  Ja… ist klar!

 

Und plötzlich ließ der sinkende Countdown des Reifendrucks unsere Herzen schneller schlagen und den Adrenalinspiegel steigen. Wir beschlossen soweit zu fahren, wie uns der matte Reifen tragen würde. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen steuerten wir immer noch auf der Dirtroad (mittlerweile immerhin eine Schotterpiste, die House Rock Valley Road) einem Camper-Stellplatz entgegen.

 

Dort stellten wir das Auto erstmal auf festem Untergrund ab (im losen Sand wären wir mit Wagenheber sicherlich nichts geworden) und schauten uns den ganzen Spaß an. Das letzte bisschen Luft entwich mit einem leisen Pfeifen und an eine Weiterfahrt war nicht zu denken. Der vordere rechte Reifen war platt – richtig platt!  Langsam stiegen Fragen in uns auf. Haben wir überhaupt einen Ersatzreifen? Und wenn ja, wo ist das Ding? Und wir kriegen wir den Reifen von dem Auto runter? Das gute alte Handbuch im Auto konnte unsere Fragen nur bedingt beantworten. Ein Blick in den doppelten Boden des Kofferraums zeigte ein ziemlich spärlich aussehendes Notrad.  Das kleine Moped-Rädchen sollte das Auto tragen? Aber hatten wir eine Wahl?! Nein!

Reifenwechsel No. 1

Also wechselten wir in der untergehenden Sonne bei gefühlten 38 Grad den Reifen. Völlig erschöpft von der Fahrt und Wanderung und noch ein bisschen vom Jetleg geplagt,  betrachteten wir verschwitzt unser Werk.  

Wie im Autopilot setzten wir uns wieder hinters Steuer, um das letzte Drittel der Strecke hinter uns zu bringen. Noch etwa 30 Kilometer auf der Schotterpiste lagen vor uns, bis wir den Highway 89 erreichten. Jeder noch so kleine Kiesel kam uns riesig vor, jede kleine „Sandpfütze“ war plötzlich ein unüberwindbares Hindernis. Wir stießen beide ein Stoßgebet aus als wir endlich wieder festen Asphalt unter den Reifen hatten. Jetzt mussten wir noch etwa 60 Kilometer bis nach Kanab zu unserem AirBnB hinter uns bringen. Langsam fuhren wir in die Dunkelheit und waren heilfroh, als endlich das Haus vor uns auftauchte.

 

Frisch geduscht beim Abendessen berieten wir uns, was nun zu tun ist. Wir begannen einfach mal mit der Telefon-Warteschleife des Autowagenvermieters. Erklären, den Anruf weiterleiten, wieder erklären (wieder weiterleiten, wieder erklären – ihr versteht das Muster) ergab irgendwann für uns folgende Optionen:

 

1. Den Wagen durch einen anderen Mietwagen vor Ort tauschen lassen (einen einzelnen Reifen könne man uns natürlich nicht bringen).

ODER

2. Im nächsten (zwischen 3 und 5 Stunden Fahrtzeit) größeren Ort in die Werkstatt fahren.

 

Wir entschieden uns anhand der spärlichen Alternativen für die erste Variante. Am Telefon betonten wir mehrmals, dass wir aber unbedingt wieder ein SUV benötigen (den wir darüber hinaus ja auch gebucht und bezahlt hatten). „Sure, no problem – and with Alamo have a better day today!“

Maximal zwei Stunden, so der von der Vermietung ins Auge gefasste Zeitansatz. Wir waren erst einmal bedient - wir wollten doch einfach nur den Urlaub genießen, nach der Wanderung die Füße hochlegen, mit den Eseln im AirBnB um die Wette laufen und schlafen. Zwei Stunden erschien uns wie eine Ewigkeit. Stunden später war vom Tauschwagen immer noch keine Spur, aber zumindest kontaktierte ein Herr über Handy unsere Gastgeber - er habe ein Auto dabei (oh ein Lichtblick, dachten wir uns). Leider fand er Kanab nicht auf seiner Karte. Alle möglichen Nationen suchen das AirBnB seit Jahren auf und bisher hat sich keiner verfahren. Aber unsere Hosts gaben ihr bestes um den verwirrt wirkenden Herren an sein Ziel zu lotsen. Wir sanken erschöpft bei unseren Gastgebern auf die gemütliche Couch – so hatten wir uns den Lichtblick nicht vorgestellt.

Ein schlechter Tausch

Irgendwann schienen riesige Scheinwerfer in das Wohnzimmerfenster. Erschrocken und froh über das Ankommen des Abschleppers schreckten wir hoch und stürmten vor die Tür. Im Vorbeifahren sahen wir in stockdunkler Nacht nur schemenhaft ein Auto auf der Ladefläche … es war definitiv kein SUV… unsere Gedanken wurden jäh durch das lautstarke Gehupe des LKWS unterbrochen, der den Rückwärtsgang eingelegt hatte. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. In dem Örtchen gibt es noch nicht einmal Straßenlaternen, man hört abends nur das Zirpen der Grillen. Doch das Geräusch des Abschleppers schnitt die Luft regelrecht ein.

 

Jan sprach mit dem (tatsächlich sichtlich verwirrten / betrunkenen) Fahrer, dass er uns das falsche Auto gebracht hätte. Dieser hatte von der Abwicklung gar keine Ahnung. Fast schon stolz berichtete er, sein Auftrag sei es nur uns ein Auto zu bringen und das hat er getan (Mission Accomplished!). Wurde hier etwa ein Klischee bestätigt? Er lud also den Kia-Familienvan ab und nahm unseren Pathfinder mit. Wir waren genervt, ratlos und nur noch müde. Vielleicht sollten wir einfach schlafen gehen – nach einer Nacht Tiefschlaf sähe die Welt bestimmt ganz anders aus (und der Kia hätte sich sozusagen per ernster eigener Absicht zu einem SUV gewandelt).

Wie geht es weiter?

Zaghaft ging ein Auge auf, dann das zweite. Es war mitten in der Nacht – 3 Uhr – der Jetlag hatte uns fest im Griff. Gerade zu schüchtern schoben wir den Vorhang zur Seite und blickten auf den Parkplatz. So ein Mist, der Kia stand noch da. Und nicht nur das, er sah noch genau wenig nach Gelände aus, wie vor dem Schlafen. Wir hingen uns erneut in die Warteschleife des Autovermieters, konnten aber keine für uns zufriedenstellende Lösung erwirken.

 

Für den Vermieter schien kein Handlungsbedarf mehr angezeigt, wir hätten jetzt ja ein fahrtüchtiges Auto. Argh! Wir überlegten hin und her, wälzten folgende Möglichkeiten:

1. Mit dem Kia den Rest der Reise weiterfahren - kam nicht in Frage, da nicht Dirtroad tauglich.

2. Nach Salt Lake City fahren und das Auto tauschen - zu weit, da mehr als 5 Autostunden entfernt.

3. Den Kia im nächstgrößeren Ort (in Moab) eine Woche später möglicherweise tauschen - zu riskant, falls kein SUV verfügbar ist.

Oder...

Wir fahren zurück nach Las Vegas und sprechen direkt mit dem Autovermieter vor Ort. Kaum hatte dieser Gedanke die Worte gefunden, packten wir eine kleine Reisetasche zusammen und fuhren gegen 4:30 Uhr nach Vegas zurück.

Eine glückliche Fügung des Schicksals

Drei Stunden und ein Gespräch mit dem Local Manager später stiegen wir müde, aber mehr als zufrieden in unseren Ford Expedition –ein Schlachtschiff an Auto. Weitere drei Stunden später saßen wir wieder in Kanab auf der Terrasse unseres AirBnB´s und grillten zufrieden ein paar Steaks.

 

 

 

 

Letztendlich hatten wir also nur einen Tag verloren und jetzt ein richtig geiles Auto, in dem sich Komfort und Geländegängigkeit ziemlich gut die Waage hielten.

Nicht schon wieder...

Zzzzzssssschischhhhhh...

Dieses Geräusch hörte ich zwei Tage später in Escalante als wir nach einem Tag auf der Hole-in-the-rock-Road vor dem Motel ausstiegen. „Muss ich jetzt Jan etwas davon sagen oder bilde ich mir das nur ein?“, habe ich mir gedacht. „Kannst du mal auf meine Seite vom Auto kommen. Hörst du das auch?“ „Hmm“ war die knappe Antwort. Schweigen. 

Sein „Hol mir mal ein Bier, die Actioncam und das Handbuch vom Auto.“ klang wie ein Startschuss zu einem erneut ungewollten Marathon. Es folgte also Reifenwechsel Numero dos (innerhalb von 3 Tagen). Das gelernte durch Üben vertiefen... So ging bei diesem Mal alles auch gleich viel leichter von der Hand.

Reifenwechsel No. 2

Man muss allerdings der Fairness halber dazu sagen, dass der Ford einen vollwertigen Ersatzreifen unter dem Auto hatte (der in etwa so viel wog, wie wir beide zusammen). Den auf die Bolzen zu wuchten, war gar nicht so leicht...

Aber nach 25 Minuten war der neue Reifen drauf, der defekte unterm Auto verzurrt und wir beide sandig und ölverschmiert (Mission Accomplished!)


Was sollen wir nur tun?

Wie von selbst wählten unsere Finger die Nummer des Autovermieters ... natürlich war sie uns noch geläufig. Aber wie erwartet brachte der Herr am Telefon weder einen guten Vorschlag noch eine Lösung (außer: Let’s have a better day today). Da wir im Herzen Utahs mitten im Nichts waren, lag jede größere Stadt viel zu weit von uns entfernt. Was blieb uns also übrig? Wir beschlossen am nächsten Tag in die „nahgelegene“ (200 km) Goodyear-Werkstatt zu fahren und den Reifen dort flicken zu lassen.

Wird jetzt endlich alles gut?

Einen Tag später verließen wir bei Sonnenaufgang Escalante. Unser Ziel: Bicknell, UT (wer kennt es nicht). Das Schild „Raw honey and homemade beef jerkey“ ließ zunächst nicht unbedingt auf die handwerklichen Fähigkeiten der Mitarbeiter dieser als Autowerkstatt angepriesenen Einrichtung schließen. Aber hey, überzeugt hat uns dann neben aufrichtiger Freundlichkeit vor allem der Azubi, der innerhalb von 5 Minuten den Reifen geflickt hat. Den klitzekleine Stein, den er zum Vorschein brachte, hätten wir uns wirklich überall einfangen können. Freundlich wies er uns darauf hin, dass er in dem reparierten Reifen einen langen Nagel entdeckt hat. Omg...what?! Der bleibt jetzt drin – no risk, no fun. Und was ist schon ein weiterer Reifenwechsel.

 


Wir ließen das beschauliche Örtchen hinter uns und starteten in unserem Schlachtschiff in den Urlaub

– keine Dirtroad war jetzt mehr vor uns sicher!

Hier siehst du unser SUV in Action.


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Hattest du auch schon mal eine Reifenpanne?

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Kommentare: 1
  • #1

    Andreas Klose (Mittwoch, 22 März 2017 00:27)

    Hatten einen Jeep Wrangler, hatte uns gut durch dick und dünn gefahren, am 15.Tag unserer 20. tätigen Reise einen Platten in Utha, müssten aber weiter nach Denver, dann der Ablauf wie ihr geschrieben habt, Vermieter angerufen, entweder Wagen tauschen oder zum nächsten Reufenhändler. Zum Reufenhändler, hatte keinen auf Lager, 2 Tage warten oder tauschen, getauscht zu einem Dodge Journay , Family Car reichte für die 4 Tage. Zum Glück erst am Ende passiert. Glücklich waren wir mit dem Ersatzwagen aber nicht. Gab ein Gutschein von Alamo