Sturz im Slotcanyon | Die Geschichte von Randy und Andy

Ich habe lange überlegt, welchen Namen diese Geschichte tragen könnte. Unzählige hatte ich dazu im Kopf, unzählige Ideen, wie das Erlebte zu erzählen wäre. Unzählige Gedanken und unzählige Gefühle. Ich konnte mich schlichtweg nicht entscheiden.

 

Dies ist die Geschichte von Randy und Andy – zwei Menschen, mit denen wir vermutlich im normalen Alltag nie ins Gespräch gekommen wären.

 


Es ist Anfang Juni und wir befinden uns auf unserem Roadtrip in der letzten Woche und sind gerade in Kanab. Wir zurren beide unsere Wanderschuhe fest, füllen die Trinkblasen unserer Rucksäcke, sprühen uns noch mal mit Sonnenspray ein und kontrollieren, ob wir alles dabei haben. Ok, let´s go. Wir nicken uns zu und wandern vom Parkplatz an der House Rock Valley Road in Richtung des Wire Pass Trailhead. Es ist ca. 8 Uhr morgens, der Parkplatz ist schon fast vollständig gefüllt. Die Temperaturen sind noch auszuhalten, werden bestimmt im Laufe des Tages aber immer mehr ansteigen.

 

Nach etwa 1,5 Kilometern durch den ausgetrockneten Wash werden die Felswände um uns herum höher und kommen dichter beisammen. Wir treten um die nächste Wegbiegung und sehen den Eingang des ersten Slotcanyons. Auf dem Weg zum Buckskin Gulch muss man davon drei passieren. Wir freuen uns und sind gespannt, was uns erwartet.

Wire Pass Buckskin Gulch Utah

Vor dem Eingang dieses Canyons sitzt in Mann auf einem Stein. Allein – ohne Sonnenschutz, etwas zusammengesackt. Wir sprechen ihn an, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Nach seinem Dialekt im Englischen vermuten wir, er ist auch ein Deutscher. Er erklärt uns, dass in dem ersten Slotbereich eine Kletterpassage kommt, die er sich nicht zugetraut hat. Seine Reisegruppe sei einen Umweg gegangen und er würde hier auf sie warten.

 

Ein paar Minuten später stehen wir selbst vor dieser Passage. Es geht etwa 2 bis 2,5 m hinunter. Der einzige Anhaltspunkt zum Greifen ist der pure, glatte Felsen und ein ausgetrockneter Ast, der auf dem Boden liegt. Ich knie mich hin, um abzuschätzen, ob meine Beine den Ast erreichen könnten. Ich kann es nicht einschätzen... ich habe ein sehr ungutes Bauchgefühl und stelle mir vor, wie es wäre da hinab zu klettern.. Jan will schon losklettern, als ich ihn davon abhalte. „Kommst du hier auch wieder herauf?“, frage ich ihn. Er schaut wieder nach unten. „Vermutlicht nicht.“ „Ich auch nicht“, gestehe ich mir ein. Wir kehren zu dem Deutschen zurück und fragen ihn (dieses Mal gleich auf Deutsch) nach dem Umweg. Dieser führt lediglich außen um den Slotcanyon herum und ist wesentlich einfacher zu bewältigen.

 

Als wir schließlich wieder im Canyon sind und ich auf die Passage aus der anderen Perspektive blicke, bin ich froh, dass wir uns dafür entschieden haben.


Wir hiken weiter, immer tiefer in den Canyon hinein. Zwischendurch immer wieder traumhafte Passagen in den einzelnen Slotcanyons. Zwischendurch auch immer wieder die brennende Sonne auf unseren Köpfen. Und zwischendurch auch immer wieder Unmengen von Sand, die von oben herab auf uns und in unsere Kameras rieseln.

 

Nach etwa 3 Stunden ist mein Wasser fast komplett aufgebraucht. Es ist bereits Mittags und wir entscheiden uns, den Rückweg anzutreten. Es war eine traumhafte Wanderung, wir sind happy und laufen beschwingt zurück.

Buckskin Gulch Utah
Happy Hiker

Der Sturz

Wir sind auf dem Abschnitt vor dem letzten Slotcanyon, kurz vor der entscheidenden Kletterpassage vom Anfang. Vor mir geht ein Mann. Er ist ca. Mitte 60, geht sehr langsam. Ich schaue ihn mir von hinten genauer an. Er geht wirklich sehr langsam. Humpelt er auch? Ich überhole ihn und höre ein leises schmerzerfülltes Stöhnen. Ich frage ihn, ob alles in Ordnung sei. Erst will er wohl abwinken, merkt aber meinen fordernden Blick. Er erzählt uns, dass er an der besagten Stelle gefallen sei. Er habe versucht, hinab zu klettern und habe keinen Halt finden können. Mit der Hüfte sei er zuerst aufgekommen und habe nun starke Schmerzen. Könne nicht mehr richtig treten. Er hält den Atem an und sagt "I thought I would die!"

 

Wir haben keine Zeit darauf zu reagieren, da kommen aus Richtung des Umweges schon drei weitere Hiker hinab. Zwei Frauen und ein Mann. Plötzlich sagt die eine junge Frau. „Ach, ihr seid´s. Imke und Jan, hi!“ Ich schaute völlig überfordert Jan an. Er sieht so aus, als würde er die junge Frau kennen –tut er aber nicht. Ich schaue wieder verblüfft hoch. „Ich erkläre es dir gleich“, sagt sie und zeigt auf die Frau neben sich „Das ist die Ehefrau von dem Mann“.

Ahh... jetzt klärt sich alles auf. Der gestürzte Mann und seine Frau hatten sich getrennt, weil sie eben nicht klettern wollte. Als er gestürzt ist, wollte sie Hilfe holen und ist auf die anderen zwei gestoßen. Die zwei sind Ricarda und Christian, zwei unserer Leser.

 

Wir nehmen dem Mann seinen Rucksack ab. Jan und Christian schaffen ihn gemeinsam die Slotwand hinauf. Auf halbem Weg oben angekommen, verabreden wir uns noch schnell mit Ricarda und Christian zu einem späteren Treffen. Gerne hätten wir uns länger mit den beiden unterhalten, aber dafür bleibt jetzt keine Zeit.

Wir schauen uns alle mal kurz an. „We are Randy and Andy“, sagt seine Frau (eigentlich Andrea). Deutlich nervlich angespannt und sehr besorgt. Wir stellen uns ebenfalls kurz vor und sagen den beiden, dass wir sie bis zum Parkplatz begleiten.

Vielleicht erstmal Hilfe holen! Handyempfang? Fehlanzeige!

 

Also eine kurze Bestandaufnahme: Randy hat wirklich starke Schmerzen, aber er kann gehen – irgendwie zumindest. Nur größere Schritte bei Höhenunterschieden kann er nicht machen. Es scheint also erstmal nichts gebrochen, er blutet nicht. Ein gutes Zeichen. Nach einer kurzen Trinkpause, treten wir zu viert den Rückweg an. Wir verteilen sein Gepäck auf uns beide und geben ihm unseren Wanderstöcker.

 

Randy und ich gehen vorweg. Er soll das Tempo bestimmen. Ich versuche ihn in ein belangloses Gespräch zu verwickeln, um ihn von seinen Schmerzen abzulenken. Ich selbst von voller Adrenalin, habe kaum noch etwas zu trinken und merke, dass ich einen Sonnenbrand bekomme. Aber meine Gedanken sind nur bei Randy. Jan und Andy folgen uns, bedächtig und ebenfalls in ein tiefes Gespräch verwickelt.

Wire Pass Trailhead Utah
Der scheinbar unendliche Rückweg

Da ist er – dieser Moment, wenn du nach einer Wanderung dein Auto wiedersiehst. Oft schon habe ich diesen Moment innerlich gefeiert. An diesem Tag noch viel, viel mehr. Wir entlassen Randy und Andy an ihrem Auto aus unserem Geleit und legen unsere Rucksäcke in unserem Kofferraum – erstmal etwas trinken. Durchatmen! Das Adrenalin lässt langsam nach.


Let´s talk Klartext

Was war in den letzten 2 Stunden passiert?

Noch nie habe ich mich so intensiv mit einem Amerikaner unterhalten. Noch nie habe ich dabei so viele unterschiedliche Gefühle gefühlt, für ihn, für dieses Land, für mich selbst.

Wire Pass Trail Utah

Nach etwa 10 Minuten "get-to-know-talk" geht es recht schnell „ans Eingemachte“. Randy will von mir wissen, ob wir in Deutschland tatsächlich so ein großes Problem mit Ausländern haben, wie die amerikanischen Medien berichten würden. In seinem durchgeschwitzten NRA-Shirt berichtet er mir eindringlich, weshalb Trump für die USA genau der richtige sei.

Randy arbeitet seit fast 20 Jahren am Band in einem Lebensmittelproduktionsbetrieb, Andy arbeitet ebenfalls sehr hart. Diese Ferien haben sich die beiden bitterlich erarbeitet. Ihre beiden Söhne „struggeln“ gerade mit ihrem eigenen Leben und können die Eltern im Alter nicht unterstützen. Mühsam haben sie sich diesen Urlaub zusammengespart – und jetzt das.

 

Ich frage ihn, ob er in Kanab das Krankenhaus aufsuchen wird. Beschämt und schmerzerfüllt schaut er zu Boden. „No, I don’t need to see a doctor.“ Wir schweigen beide kurz - wissentlich, was das alles bedeutet. Er ist nicht krankenversichert. Und immer wieder betont Randy, was für ein stolzer Mensch er ist. Er gesteht mir, dass es ihm schwer fällt, andere Leute um Hilfe zu bitten.


Aber genug von ihm, ich soll jetzt mal erzählen. Also erzähle ich. Alles mögliche – belanglos, unpolitisch und dann doch ein wenig persönlicher. Als ich von Jans Krankheit erzähle, hört er aufmerksam zu. Ich berichte ihm, wie es ihm in Deutschland geht und wie es ihm hier geht. Augenblicklich hält er an. Er dreht sich zu Jan und entschuldigt sich bei ihm. Er möchte keine Belastung sein, wir könnten seine Frau und ihn wirklich zurücklassen. Aber ohne uns abzusprechen, sind wir uns sicher: no one is left behind!

Wir sehen, wie sich Randy am Parkplatz das Shirt auszieht. Seine Hüfte ist sehr rot und unglaublich angeschwollen. Er hat eine große Packung Schmerztabletten dabei und wirft gleich mal ein paar davon ein. Wir gehen noch mal zu den beiden und fragen, ob sie noch irgendwas brauchen. Eis aus der Kühlbox, um die Hüfte zu kühlen? Snacks? Wasser? Medikamente? Einen Arzt? Jemanden, der ihr Auto über die Dirtroad fährt?

 

Die beiden winken ab und bedanken sich mehrmals und mehr als herzlich bei uns für unsere Hilfe.

Wir umarmen uns zum Abschied.

Wir wissen alle, wir werden uns nie wieder begegnen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Silke (Sonntag, 02 Juli 2017 12:15)

    Eine sehr emotionale Geschichte. Danke für´s Teilen. Mich hat die Geschichte sehr berührt, Ihr wisst ja warum.

  • #2

    Synke (Sonntag, 02 Juli 2017 14:23)

    Ihr seid echt toll! Das amerikanische Gesundheitssystem ist und bleibt mir auch nach 18 Jahren dort ein Rätsel. Das Schlimme ist, dass auch Menschen die nicht versichert sind es noch verteidigen. Ich habe die letzten 2 Jahre während meiner Reisen auch die Erfahrung gemacht, dass sich Gespräche immer schnell ums Politische. Auch wenn es nicht immer leicht fällt, ist Zurückhaltung immer noch Beste.
    Ich hoffe irgendwie Randy, geht es besser.

    LG nach HH, Synke