Travel-no-go No. 2 | Pre-boarding

Die Reise geht los - endlich! Darauf haben wir so lange gewartet. Und trotzdem wird der Schritt ins Flugzeug durch einen bitteren Beigeschmack geprägt.

Im zweiten Teil unserer Beitragsreihe erzählen wir dir davon, dass du erst behindert aussehen musst, um als behindert akzeptiert zu werden. Ansonsten wird dir unterstellt, du würdest dir was erschleichen. Für uns immer wieder einen Aufreger wert, wenn es ums Pre-Boarding geht.


Was ist Pre-boarding überhaupt?

Als Pre-Boarding wird das Einsteigen vor dem eigentlichen Boarding bezeichnet. Diese Form ist nur für besondere Passagiere erlaubt. Meistens ist das Pre-Boarding sogar noch bevor die Passagiere der First- und Business Class oder auch Passagiere mit Vielfliegerstatus in den Flieger dürfen. Zu den "auserwählten" gehören vor allem Familien mit Kindern und Passagiere mit eingeschränkter Mobilität. Vorteilhaft ist, dass man nicht so lange in der Schlange am Gate, in der Gangway oder im Flugzeug anstehen muss.

Klingt logisch und nachvollziehbar, oder?

Wie läuft das in der Praxis ab?

Wir nehmen das Pre-Boarding gerne in Anspruch. Allerdings läuft das in Deutschland meist nicht ohne kleinere Tumulte ab. Was passiert also, wenn sich ein junges Pärchen im Reise-Jogger beim Pre-Boarding in die Schlange der Vielflieger, Senioren im Rollstuhl und Familien gesellt?

 

Ach, ihr jungen Leute, ihr müsst noch ein bisschen warten.


Ihr seid doch bestimmt keine Vielflieger.

Ihr habt euch in der Schlange geirrt.


Für Schwangere gilt Pre-Boarding aber nicht.

Vordrängeln is hier aber nicht.


Was fehlt dir denn?


Neben ziemlich vielen blöden Sprüchen dürfen wir auch einige böse Blicke genießen. Wir werden von oben bis unten gemustert. Unglaube und Missgunst trifft uns wie ein Schlag ins Gesicht. Nur weil man die Behinderung nicht auf den ersten Blick sieht, heißt nicht, dass sie nicht da ist. Muss es immer ein Rollstuhl oder eine Krücke sein, die verdeutlicht, dass man ein Handicap hat?

 

Um die selbe Diskussion mit den Mitarbeitern der Fluggesellschaft zu umgehen, sprechen wir diese vor  dem Pre-boarding an. Dies läuft meistens ohne größere Probleme ab. Nicht aber jedoch ohne den zwingend notwendigen Behindertenausweis vorzuzeigen. Danach wurden wir in den USA noch nie gefragt. Wer sagt, er bräuchte special assistance, der bekommt sie auch.

Die Halskrause als Beweis

Auf Langstreckenflügen ist die Halskrause für Jan unersetzlich. Allein für Schlafphasen im Flieger ist diese ein gutes Hilfsmittel, damit der lange Flug etwas angenehmer wird. Obwohl es nicht notwendig ist, zieht er je nach Stimmung diese zum Pre-Boarding an. Als Zeichen, ja vielleicht als Beweis, ich habe die Berechtigung, in dieser Schlange zu stehen.

Ich darf das.


Wie die Lemminge

Stehen wir in der Schlange und haben die durchdringenden Blicke der anderen Pre-Boarder hinter uns gelassen, schauen wir auf die anderen Passagiere, die jetzt wie Lemminge aufstehen und uns hinterherrennen. Wenn die jetzt schon boarden, dann die anderen doch wohl bitte auch.

Mitterweile können wir darüber nur noch herzhaft lachen. Sobald sich einer neidisch dreinblickender Deutscher nach dem anderen aufsteht, uns abfällig ansieht und geschäftigt mit seinem Ticket zum Schalter rennt. Dann wird auf uns gezeigt und die Dame am Schalter gefragt, wieso wir denn und er nicht. Lächeln und winken, denken wir uns.

Wie sich das anfühlt

Überleg mal selbst.

Wie würdest du dich fühlen, wenn du zwischen zwei alten Männern im Rollstuhl und einer jungen Familie mit Säugling und Kleinkind auf dem Arm in der Gangway stehst. Der kleine Junge, so etwa 5 Jahre alt, fragt seine Mama: "Wieso dürfen die beiden hier sein?" Und die Mama zuckt nur abwertend mit den Schultern und dreht sich von uns weg.

 

Unter diesen Umständen ist es kein tolles Gefühl als eine der ersten den Flieger zu betreten. Ich merke, wie ich mich selbst manchmal frage, müssen wir das echt machen? Und dann denke ich mir wieder, wieso sollte ich mir von anderen diktieren lassen, was ich tun soll. Es ist unser gutes Recht, das zu tun - egal, wie alt wir sind und egal, wie wir aussehen. Sich an die Blicke zu gewöhnen, ist unsere Herausforderung. Es wäre toll, wenn sich unsere Gesellschaft auch daran gewöhnt, dass man nicht behindert aussehen muss, um behindert zu sein.

Nicht mein Rollstuhl,

sondern die Treppen behindern mich.

 

(Zitat von Frau Gelhaar)



In unserer Beitragsreihe Travel-no-go´s möchten wir dich daran teilhaben lassen, wie es ist, mit Handicap zu reisen. Vielleicht geht´s dir genauso wie uns und du erkennst die ein oder andere Situation wieder. Vielleicht hast du dir über diese Themen bisher auch noch gar keine Gedanken gemacht. Wirf mit uns einen Blick über den Tellerrand.

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Kommentare: 5
  • #1

    Ina (Freitag, 19 Mai 2017 22:35)

    Hallo Imke und Jan,
    ein toller und ehrlicher Post, der zum Nachdenken anregt! Leider auch traurig zu hören, wie missgünstig und ignorant viele Leute doch sind :( Man kann doch nie wissen, wer da gerade vor einem steht, denn wie ihr schon sagt, man sieht ja nicht jedem alles an.
    Habt ihr diese Erfahrung denn schon in vielen Ländern machen müssen oder eher nur in Deutschland?
    Ich hoffe auf jeden Fall, ihr lasst euch davon nicht unterkriegen und auch nicht einreden, ihr solltet euch lieber später anstellen!

    Alles Gute und liebe Grüße :)
    Ina

  • #2

    Jan (Samstag, 20 Mai 2017 09:13)

    Hallo Ina,
    Vielen Dank für Deinen Kommentar!

    Ich denke über die Zeit hab ich gelernt das etwas mit Gelassenheit zu sehen und lass mich nicht auf die Palme bringen (meistens zumindest) ;) Aber es gehört für mich zu meinem inneren Kern dazu, dass ich Dinge, die mich stören, nicht einfach hinnehme. Da würde ich mich denn hinterher mehr über mich ärgern, als über die anderen ;)

    Deutschland ist schon besonders arg. Das merkt man auch an jeder Autobahn-Baustelle. Reißverschluss (also den anderen vor zu lassen) funktioniert einfach nicht. Oder im Supermarkt, wenn eine neue Kasse aufmacht. Die von hinten sind dann immer die drängeligsten an der neuen Kasse.

    Wir waren aber z.B. von England (also GB) total begeistert, was die Behindertenfreundlichkeit angeht. In Spanien aber auf der anderen Seite ist da eher etwas "zurückhaltend" ;)

    Nochmal Vielen Dank, und viele Grüße
    Jan

  • #3

    Mel (Samstag, 20 Mai 2017 22:27)

    Also wir dürften ja Pre-Boarding nützen, aber haben das noch nie, weder Kurz- noch Langstrecke. Ich mag nicht ewig mit Kind im Flieger sitzen, da ist draußen viel besser, wobei wir da ja auch immer so spät kommen, dass wir kaum warten :-D
    Lediglich bei USA-Inlandsflügen ist das top, damit man vorher alles verstauen kann usw. In D oder Europa noch nie. Wir wurden schon paar Mal sogar von Mitarbeiterinnen persönlich angesprochen, aber wir haben lieber gewartet.
    Dennoch finden wir es unverständlich wenn ihr da blöde Kommentare zu hören bekommt. Wir kennen das nur von Business-Class. Da wirst du auch so blöd angeschaut mit Baby, aber naja.
    Viele Grüße
    Mel&Samu&Rolf

  • #4

    Doris (Freitag, 01 September 2017 20:32)

    Hi, habe gerade diese tolle Homepage gefunden und den Artikel gelesen. Ich kann es nur bestätigen, ich bin nicht offiziell behindert, habe aber in jungen Jahren die Wirbelsäule gebrochen und mit Spätfolgen bis heute 30Jahre danach zu tun. Ich kann z.B. nicht lange stehen, und wenn ich wie gerade auf Jobsuche bin, nimmt das beim AMS oder sonst keiner ernst. Weil man sieht es nicht! Im Gegenteil weil ich mich viel bewegen muß um schmerzfrei zu bleiben, habe ich für mein Alter :) Ende 40 noch eine sehr gute Figur, von daher kenne ich das Neid und Mißgunst Programm (vor allem von Frauen) und selten Mitgefühl. (Mitleid brauche ich wie alle nicht).
    Von daher super geht genau Euren Weg, und bei jedem z.B. Einchecken lernen Leute wieder etwas dazu :) Lg Doris

  • #5

    Jan (Donnerstag, 14 September 2017 07:59)

    Hallo Doris, vielen Dank für Deine netten Worte. Ich kann Dich und das was Du beschreibst wirklich zu 100% verstehen! Manches mal möchte ich mir gerne ein Schild um den Hals hängen, damit die Leute sich die blöden Fragen verkneifen ;)
    Schön, dass Du da bist und mach weiter so!
    LG Jan